Wider den Kulturinfarkt

Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel, Stephan Opitz

»Kulturpolitik bedarf nicht besonderer Schonung, sondern einer kritischen Diskussion. Darf man eine Politik kritisieren, die das Schöne pflegen und die Identität der Menschen fördern will? Kritik ist nicht Gegnerschaft …«
(Gerhard Schulze: Die Erlebnisgesellschaft.
Frankfurt / New York 1992)

Im März 2012 erschien »Der Kulturinfarkt«. Seit dem Erscheinen der Streitschrift läuft eine Debatte zu Kultur und Kulturpolitik, deren Amplitude die Kulturpolitik in der Bundesrepublik Deutschland bislang nicht gesehen hat. Das ist auf der einen Seite verwunderlich angesichts des immer wieder behaupteten hohen politischen Stellenwerts, welcher der aus Steuermitteln geförderten Kultur zugesprochen wird. Andererseits ist es möglicherweise genau dieser nicht übermäßig reflektierte politische Stellenwert von Kultur, der einen lebhaften und vertieften Diskurs jenseits der kulturellen Lobby bislang verhinderte.
Die Behauptung, dass Deutschland ein Kulturstaat sei, geht allen leicht über die Lippen. Dass dies im Grundgesetz festzuschreiben wäre, wurde zwar von der Enquete-Kommission »Kultur in Deutschland« beschlossen, die dafür notwendige Mehrheit im Bundestag kam bisher nicht zusammen. Die Lobby der etablierten Kultur, der Deutsche Kulturrat vorneweg, bemüht sich nach wie vor um die verfassungsrechtliche Kodifizierung des »Kulturstaats«, doch die Diskussion stockt. Großes Interesse an dem Thema gibt es außerhalb der einschlägigen Verbände nicht. Liegt dies am mangelnden Enthusiasmus der Gesellschaft? Oder einfach daran, dass »Kulturstaat« schon fast ein »weißer Schimmel« ist? Gibt es denn etwas, was grundsätzlich noch mehr Kultur voraussetzt als der Begriff »Staat»?

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Das Öffentliche darf in der Demokratie nicht egal sein!

Ein Gespräch mit Oliver Scheytt und Norbert Sievers über den »Kulturinfarkt« und Kulturpolitik

Herr Scheytt, Herr Sievers, die Kulturpolitische Gesellschaft steht in der Reformtradition der Neuen Kulturpolitik. Mit der Publikation »Der Kulturinfarkt« haben deren Autoren, einer davon ist Mitglied in ihrem Vorstand, radikale Reformvorschläge gemacht. Waren Sie froh darüber?

Oliver Scheytt: Ich hatte erwartet, dass das Buch radikale Vorschläge enthalten würde, da es ja in Diskussionsforen und Publikationen der Kulturpolitischen Gesellschaft von den Autoren schon entsprechende Äußerungen gab. Angefangen bei der Debatte 2009 im Bonner Haus der Geschichte zum Thema »Kultur trotz(t) Krise«, als Pius Knüsel forderte, dass wir die kulturelle Infrastruktur in Deutschland »aufräumen« sollten, über das Jahrbuch für Kulturpolitik 2010 bis hin zur Tagung in Loccum 2011, wo der Chef der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia schon die Halbierung der Kulturinfrastruktur vorgetragen hat. Ich war also »vorgewarnt« und habe mich auf das Buch gefreut in Erwartung fundierter Analysen und Vorschläge. Doch schon der Spiegel-Artikel und erst recht das Buch haben mich ziemlich aufgeregt, weil ich mit vielen Analysen und Thesen über weite Strecken nicht übereinstimme. Vor allem halte ich das »Gedankenexperiment« für verfehlt, die Hälfte der Kultureinrichtungen zu schließen, zumal die so eingesparten Mittel in meiner Meinung nach absurde Projekte wie »Jedem Kind ein Tablet-PC« fließen oder per Losverfahren oder Bürgerentscheide vergeben werden sollen, was ich für ebenso wenig sinnvoll halte.

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Die Adorno-Falle

Von Hajo Cornel

Neben den zwei, zukunftsorientierte kulturpolitische Diskussion blockierenden »Mythen«, Kulturstaat und Kulturhoheit, diagnostiziert der »Kulturinfarkt« eine dritte Blockade offenen Denkens und Handelns in der Kulturpolitik: »die Adorno-Falle«. Auf diesen einen Aspekt, dem ein eigenes kleines Kapitel in dem Buche gewidmet ist, wollen wir uns hier beschränken.

Generationen von Kulturpolitikern seien in die »Adorno-Falle« getappt, wird behauptet, aber – wie so vieles in der vorliegenden Krankschreibung – nicht belegt. Empirische Belege zum quantitativen Einfluß der Kritischen Theorie auf die Kulturpolitik sind valide kaum ermittelbar; ideengeschichtliche Belege von gegebenenfalls exemplarischer Bedeutung fänden sich durchaus – nur war es den Autoren offenbar zu heikel, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Nahegelegen hätten insbesondere die Programmschriften Hilmar Hoffmanns, denn »Kultur für alle« wird uns ja als Epidemie verkauft. Sie gäben die Folie für nachprüfbare Praxis Frankfurter Kulturpolitik. Diese Untersuchung aber schenken sich die Doktoren: Die Kulturpolitik ist ihnen nur ein Kassenpatient.

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Grundsatzprogramm der Kulturpolitischen Gesellschaft

Am 21. September 2012 in Berlin von außerdordentlicher Mitgliederversammlung einstimmig beschlossen

Die Kulturpolitische Gesellschaft ist ein bundesweiter Zusammenschluss kulturpolitisch interessierter und engagierter Personen und Organisationen. Sie ist parteipolitisch unabhängig sowie weltanschaulich und religiös neutral.
Die Kulturpolitische Gesellschaft wirkt in der Tradition der Neuen Kulturpolitik, die »der Entfaltung und Entwicklung der sozialen, kommunikativen und ästhetischen Möglichkeiten und Bedürfnisse aller Bürgerinnen und Bürger dient und die aktive Beteiligung aller Schichten der Bevölkerung am kulturellen Leben gewährleistet« (Grundsatzerklärung 1976).
Ziel der Kulturpolitischen Gesellschaft ist es, die Kulturelle Demokratie weiterzuentwickeln und die Freiheit der Künste zu schützen. Gemeinsam mit den Akteuren aus Kunst, Kultur und Kulturpolitik entwickelt sie Leitbilder und Zielsetzungen für die Kulturpolitik und wirkt an deren konzeptioneller Ausgestaltung mit. Sie versteht sich als Plattform für kulturpolitische Diskurse und Impulsgeberin für Reformprozesse, um auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen zu reagieren.

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Wider den Kulturinfarkt

Von Jürgen Nimptsch

Ein kulturpolitisches Essay

»Ein Schauspiel für Götter, zwei Liebende zu sehn!« (Goethe)

Es ist in diesen Tagen mitunter die Rede davon, es könne landauf landab bald zu einem »Kulturinfarkt« kommen, weil der Kulturbetrieb nicht mehr zu finanzieren und zum Teil auch entbehrlich sei. Mein Hausarzt empfiehlt mir zur Senkung meines eigenen Infarktrisikos eine Reihe von Dingen, die alle in die Kategorie »Maßhalten« fallen. Gilt also auch für den Kulturbereich: »Maßhalten«?

Dazu ist ein Bonner eigentlich kein guter Ratgeber. Von »Maßhalten« konnte nämlich zu Hauptstadtzeiten keine Rede sein; Bonn erhielt 1965 zu einem Drittel der Baukosten von 23 Mio DM in seinem Zentrum ein neues Haus für Oper, Theater und Tanz, das »Hauptstadttheater«. Bis dahin hatte das Stadttheater seinen Platz im 1949 errichteten Theatersaal an der Poppelsdorfer Allee; in Bad Godesberg existierte daneben seit 1952 das Stadttheater, welches allerdings ausschließlich für Kinoveranstaltungen und Theatergastspiele konzipiert war. Dank des 1970 vereinbarten »Hauptstadtzuschlags« stieg der Theateretat von 10,7 Mio DM schrittweise auf 58 Mio DM (Oper 33 Mio DM, Theater 25 Mio DM). 1981 wurde der in-ternational bekannte Jean-Claude Riber Generaldirektor der Bühnen der Stadt Bonn. Die »Oh´s« und »Ah´s« des Publikums ergaben sich aus der Ehrfurcht vor vielen eingeflogenen teuren Stars. Diese wurden nach Ansicht des Generalmusikdirektors Kuhn von Generalin-tendanten Riber zwar nur »in phantasieloser Unbeweglichkeit wie in einer Schmiere auf die Bühne gestellt«, da aber trotzdem selbst bei diesem »Opernkäse« (Kuhn) viele dabei sein wollten, erhielt das Haus in einem weiteren Bauvorhaben seinen »Olymp«, den Zweiten Rang. Intern kriselte es ordentlich. Generalmusikdirektor Gustav Kuhn verabreichte Riber am 23. April 1985 als Höhepunkt der »Diskussion« eine bundesweit beachtete Ohrfeige. Schau-spieldirektor Peter Eschberg, seit 1981 für das Theater verantwortlich, wich dem Konflikt mit Riber aus, wollte lieber ein eigenes Haus, am besten gleich mehrere – und bekam sie. Er erschloss sich mit neuen Millionen 1984 die Halle Beuel, eine alte Jutefabrik, und den Um-bau der Bad Godesberger Kammerspiele für weitere 13 Millionen DM. Geld spielte in der Hauptstadt keine Rolle – übrigens so wie heute, wenn die in Salzburg unter Flimm abgespiel-te monströse Inszenierung von Luigi Nonos »Al gran sole« in Berlin, wieder unter Flimm, in einer alten Fabrikhalle mit pompösem Empfang für einen Abend aufgewärmt und, weil der Staatsopernetat nicht ausreicht, mit 215.000 Euro aus dem Hauptstadtkulturfonds bezuschusst wird. Auf Riber folgte 1992 in Bonn der berühmte Gian-Carlo del Monaco. Er kam in der »Scala am Rhein« noch nicht einmal mit dem Budget seines Vorgängers aus und zog 1997 weiter.

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Vom Infarkt zum Schlaganfall zur Apokalypse – drunter geht’s nicht

Von Muchtar Al Ghusain

Ein Streifzug durch den Blätterwald

»Was wäre, wenn die Hälfte der Theater und Museen verschwände, einige Archive zusammengelegt und Konzertbühnen privatisiert würden? 3200 statt 6300 Museen, 70 staatliche und städtische Bühnen statt 140, 4000 Bibliotheken statt fast 8200 – wäre das die Apokalypse? […] die Halbierung würde zwei der knapp zehn Milliarden Euro öffentlicher Kuturförderung in Deutschland freisetzen.« Mit den zwei Mrd. Euro sollten die verbleibenden Einrichtungen (»Qualität kostet«), die Laienkultur (ihre Strukturen, nicht die Produkte), die Kulturindustrie („Kunst als Ware“), die kulturelle Bildung (»Jedem Kind einen Tablet-Computer«) und die Kunsthochschulen (»Ausbau zu Produktionszentren«) verstärkt gefördert werden. Soweit in Kürze einige Hauptthesen des kulturpolitischen Aufregers des Jahres 2012. Als das Buch vom Kulturinfarkt Mitte März 2012 das Feuilleton und die Kulturszene geflutet hat, gepusht durch einen Vorabdruck im Spiegel (Nr. 11/2012), wollte ich natürlich nicht zögern und mir das Büchlein mit seinen 280 Seiten mal eben schnell durchlesen – auch ich wurde schließlich sofort von mehreren Medienvertretern um Stellungnahme gebeten und wollte da nicht ohne Meinung sein. Da ich mir sicher war, dass die ganze Aufregung vor allem auch im aggressiven Marketing des Verlags ihre Ursache hat, wollte ich nicht zur Umsatzsteigerung beitragen und habe es mir zunächst ausgeliehen. Als ich mich schließlich durch das Buch gekämpft hatte (diese endlosen Wiederholungen, dieser penetrante neoliberale Jargon!), habe ich es mir dann doch noch selber gekauft, erstens, weil ich schon schlechtere Bücher gekauft und gelesen habe und zweitens, weil ich – was ich selten tue – diverse Stellen gerne mit Rotstift kennzeichnen wollte. So eine Lust hatte ich, den Autoren mal richtig eins zu geben. Dabei sind das doch eigentlich kluge Leute, aber auf einmal irgendwie komplett durchgeknallt.

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Zwischen Ärzten und Scharlatanen – von der Schwierigkeit kulturpolitischer Diagnosen

Von Dieter Rossmeissl

Die Diagnose, mit der vier renommierte Kulturwissenschaftler ein Auditorium suchen, klingt dramatisch: Von allem zu viel und überall das Gleiche – die Kultur oder zumindest die Kulturpolitik steht vor dem Infarkt, und keiner erkennt die Symptome, außer natürlich das unerschrockene Autorenquartett. Sie allein nämlich stellen die »grundsätzliche Frage nach der Berechtigung kulturpolitischer Eingriffe überhaupt«, die bisher von niemand gestellt wurde. Schlimmer noch: »Sie darf bis heute nicht gestellt werden.« (S. 123)

Diese Selbststilsierung zu Helden der Diagnose ist es zunächst, was das Buch ärgerlich macht, weit mehr als sein Inhalt. Ihr ist wohl zunächst auch das  Lachen geschuldet, das jede kritische Erwähnung des zum Running Gag vieler Kulturveranstaltungen degradierten Buches auslöst. Und das ist schade, weil seine Autoren durchaus interessante Aspekte beleuchten und manches klug analysieren – bevor sie es wieder mit Plattheit zerstören. Sehen wir uns drei Schritte der Infarkt-Diagnose an, die das Ärzte-Quartett erstellt:

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