Von der Willkommens- zur Anerkennungskultur

Vor dem Hintergrund des aktuellen KuMi-Schwerpunktes (Nr. 150) »Von der Willkommens- zur Anerkennungskultur« erreichte uns folgender Artikel unseres Mitgliedes Hans Joachim Nölle zum Thema.

Flüchtlinge – Theater – Kultur

Gibt man Flüchtlinge und Kultur in Google ein, stößt man sehr oft auf die Kombination mit Theater. Theaterarbeit mit Flüchtlingen, die ihre Fluchtgeschichte auf die Bühne bringen. So schreibt der Tagesspiegel: »Überall machen sich derzeit Theater das politische Drama zu eigen.« (Quelle. Tagesspiegel 19.06.2015 – http://www.tagesspiegel.de/kultur/fluechtlinge-als-thema-im-theater-spiele-ohne-grenzen/11943696.html) und zählt in dem Artikel verschiedene Bühnen auf, die über die Flüchtlingsproblematik arbeiten und der Deutschlandfunk berichtet über das Berliner Theatertreffen:

Berliner Theatertreffen Flüchtlingen eine Bühne geben

Das Thema Asylpolitik beschäftigt auch die Kulturszene: Beim diesjährigen Theatertreffen wurde der Umgang mit Flüchtlingen auf deutschen Bühnen diskutiert. Tenor der Veranstaltung: Die Geschichten der Asylsuchenden müssen ins Theater – und zwar nicht von Schauspielern erzählt, sondern von den Flüchtlingen selbst. (Quelle : http://www.deutschlandfunk.de/berliner-theatertreffen-fluechtlingen-eine-buehne-geben.691.de.html?dram:article_id=319456 ).

Diese Aufführungen sind im Kontext der politischen Debatte über die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland zu sehen. Den Flüchtlingen wird hier die Möglichkeit gegeben ihre Geschichte zu erzählen, sie werden so zu Vertretern ihrer eigenen Sache.

Neben diesen Produktionen findet man auch Informationen über Theaterprojekte, an denen jugendliche Flüchtlinge zusammen mit einheimischen Jugendlichen teilnehmen. Die gemeinsame Theaterarbeit setzt sich mit ihren Lebensumständen auseinander. Dabei ist der Theaterraum für die beteiligten Jugendlichen ein Schutzraum ein Laboratorium, wo man gemeinsam etwas ausprobieren kann. Gerd Taube spricht in seinem Artikel »Theater und Kulturelle Bildung« (Handbuch Kulturelle Bildung, München 2012) mit Bezug auf Kotte (2005) »Im Theater wird, mit Bezugnahme auf die Realität, eine andere Wirklichkeit konstituiert, in der das Handeln der Figuren als konsequenzvermindertes Probehandeln [Kotte 2005, 21 – 45] charakterisiert werden kann.« (S. 616) . Die Flüchtlinge haben in diesem Laboratorium, die Möglichkeit sich langsam mit den kulturellen Spielregeln ihres neuen sozialen Umfeldes vertraut zu machen, ohne bei Fehlern oder Fehlinterpretationen mit Sanktionen rechnen zu müssen. Das gleiche gilt auch für die einheimischen Jugendlichen für ihren Umgang mit den Flüchtlingen. Beide Gruppe können sich gemeinsam auf neue Spielregeln verständigen und auch die Regeln für das Aushandeln der neuen Umgangsformen werden so ein geübt. Das Theater bietet auch den Raum eigene Kompetenzen zu entdecken und auszuprobieren. Diese Möglichkeit ist besonders für Flüchtlinge von besonderer Bedeutung, da sie so aus ihrer Opferrolle heraus kommen können:

»Der Begriff ›Flüchtlinge‹ hat häufig eine stark stigmatisierende Wirkung. Zu dem vermittelt das Sprechen von ›den Flüchtlingen‹ den Eindruck, es handele sich um eine homogene Gruppe. Darüber hinaus zwingt das Sprechen von ›den Flüchtlingen‹ den so Bezeichneten einen Opferdiskurs auf, dem sie sich nur schwer entziehen können. Die Logik des Asylsystems beruht laut Louis Henry Seukwa darauf dass die Asylsuchenden ihre Biographien so […] strukturieren, dass sie glaubhaft als Opfer von Verfolgung und Missbrauch aus politischen, religiösen, ethnischen Gründen oder wegen ihrer sexuellen Orientierung erscheinen. So gesehen ist ein anerkannter Flüchtling grundsätzlich ein Opfer.« (Judith Strohm, Linda Feger, in Infodienst, Jugendliche Flüchtlinge, Nr.115, April 2015, S. 16). Die Aussagen beziehen sich auf ein Buch von Louis Henry Seukwa : Der Habitus der Überlebenskunst. Zum Verhältnis von Kompetenz und Migration im Spiegel von Flüchtlingsbiographien, New York, Berlin 2005.

Seukwa geht davon aus, dass durch die Anerkennungsverfahren die Flüchtlinge, wenn sie anerkannt werden, ein »Opfer« sind. Hierbei bleiben die Kompetenzen, die sich in ihrem Heimatland und auf der Flucht erworben haben bei ihrer Beurteilung außen vor, zumal sie meist informell erworben wurden. Er spricht von den »Kompetenzen des Überlebens« die sie sich angeeignet haben – sie verfügen über den »Habitus der Überlebenskunst«. (vgl. Interview DKJS mit Prof. Seukwa Quelle:  https://www.dkjs.de/aktuell/meldung/news/von-der-kunst-des-ueberlebens/ )

Unter diesem Aspekt ist das Laboratorium Theater ein Ort wo die »Flüchtlinge« ihre Kompetenzen einbringen und so ihren Integrationsprozess aktiv mitgestalten können. So können die Flüchtlinge auf Augenhöhe mit den anderen Teilnehmern agieren, da sie sich mit ihren eigenen Kompetenzen einbringen können. In diesem Kontext wird für sie der Umgang mit neuen kultureller Formen und Verhaltensweisen leichter. Theater als Teil der kulturelle Bildung verstanden und in Verbindung mit einer neuen Bewertung der Kompetenzen der Flüchtlinge kann die Grundlagen für eine aktive Teilhabe am sozialen Leben bilden. So schreibt Hans-Christoph Koller in einer Abhandlung über das Buch von Seukwa die Flüchtlinge sind »Nicht Opfer, sondern handelndes Subjekt« ( Quelle : http://www.afrikanet.info/archiv1/index.php?option=com_content&task=view&id=565&Itemid=83 ).

Hier bietet das Theater beste Voraussetzungen für die Entwicklung neuer gemeinsamer Verhaltensweisen, die die Grundlage für eine kulturelle Integration und eine aktive Teilhabe aller am soziokulturellen Leben bilden. Die Flüchtlinge wie auch die aufnehmende Bevölkerung können sich gegenseitig kennen und respektieren lernen, gerade der Schonraum Theater – das Laboratorium bietet hier für beste Möglichkeiten. Theaterarbeit mit Flüchtlingen sollte immer auch Einheimische miteinbeziehen und unter dem Aspekt der kulturellen Bildung gesehen werden, da so beide Seiten lernen können. Wichtig ist es die Theaterprojekte über einen längeren Zeitraum einzurichten, damit die Teilnehmer sich auf das Projekt einlassen können und speziell die Flüchtlinge Ruhe nach ihrer Flucht finden und in der Gruppe neue soziale Kontakte aufbauen können, die ihnen in ihrem neuen Umfeld Halt bieten können.

Das Theater bietet so große Möglichkeiten die Integration von Flüchtlingen zu fördern und sie zu gleichberechtigten und aktiven Teilhabern an unserer Gesellschaft zu machen.

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Ein Gedanke zu „Von der Willkommens- zur Anerkennungskultur

  1. Selbstverwaltete, Soziokulturelle Kommunikationszentren bieten seit 40 Jahren Interkulturelle Programme an zu Flucht Vertreibung. Wenn die Integration der Flüchtlinge gelingen soll, muss die Kulturpolitik mehr selbstverwaltete, Soziokulturelle Zentren in öffentlichen Immobilien fördern.
    Die BI Schoeler-Schlösschen will genau das in dem leerstehenden Schöler-Schlösschen realisieren, was von der Bezirksverwaltung, der CDU und B90/Die Grünen bisher abgelehnt wird.

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