Zur UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes

Ein Diskussionsbeitrag einiger Kieler Studierender

Kaum eine Frage ist, wie aktuelle Ereignisse zeigen, so zentral und komplex wie die nach der kulturellen Identität Deutschlands. Die Aufstellung der Liste des immateriellen Kulturerbes Deutschlands, die die Identität unseres Landes nach innen wie außen kommunizieren soll, ist daher ein umso aktuelleres Thema der Kulturpolitik. Aufgrund seiner internationalen Reichweite ist es von nicht zu unterschätzender Bedeutung. An Aktualität gewinnt dieses kulturpolitische Unternehmen zusätzlich durch seine Kontinuität. Die nächste Bewerbungsphase beginnt im Frühjahr dieses Jahres. Für eine produktive Debatte ist es also nicht zu spät.

Auf der Basis der gemeinsamen Pressemitteilung von KMK, BKM und DUK sowie der Beiträge des aktuellen Feuilletons haben wir uns mit der Materie befasst und darüber diskutiert. Als Masterstudenten mit kulturökonomischem Schwerpunkt an der Philosophischen Fakultät der CAU zu Kiel möchten wir mit diesem Schreiben unseren Beitrag zur kulturpolitischen Diskussion leisten.

Zunächst stellt sich uns die Frage nach dem tatsächlichen Nutzen der Erhebung immaterieller Kulturgüter in den Adelsstand des nationalen Kulturerbes. Der Anspruch der Entscheidungsträger, mit dem Verzeichnis ein »Spiegelbild der kulturellen Vielfalt in Deutschland« zu schaffen, wird zwar, sicherlich mit guten Absichten, klar formuliert. In seiner Begründung erscheint dieses Anliegen allerdings problematisch. Es drängt sich die Frage auf, inwiefern denn einzelne Phänomene tatsächlich die spezifische Identität Deutschlands, sofern eine solche überhaupt bezeichnet werden kann, nach außen repräsentieren können?

»Nun sei die Frage gestattet, wieso etwa die deutsche Chortradition oder auch die Theater- und Orchesterlandschaft in besonderer Weise schützenswert und von solcher Relevanz sind, dass sie später auch einer internationalen Jury als kulturelles Erbe von Welt zu beweisen sind. Wenn man zugrunde legt, dass Kultur sich vor allem auch durch Differenz beschreiben lässt, wird man sich in Ländern, in denen eine ähnliche Gesangstradition gepflegt wird und die ebenfalls über eine vielfältige Theater- bzw. Orchesterlandschaft verfügen, fragen, weshalb diese Kulturtechniken gerade Deutschland auszuzeichnen scheinen« (David Bartels). »Eine ›Theaterlandschaft‹ gibt es schließlich auch in anderen Staaten« (Vienna Lange). Zur Positionierung der Brotkultur lässt sich entsprechendes ergänzen: »Wenn in den Begründungen auf die ikonografische Tradition des Brotes als Symbol des Leibes Christi verwiesen wird, welches Anrecht hat speziell Deutschland auf dieses Kulturerbe vor anderen christlich geprägten Nationen?« (Jakob Luckschewitz). Hinsichtlich zahlreicher immaterieller Güter erscheint uns der jeweilige speziell für Deutschland repräsentative Charakter oft unklar. Darüber hinaus wird vermutlich kein Theater im Einzelnen meritorisch von der Ernennung der Theater- und Orchesterlandschaft als Gesamtkomplex zum immateriellen Kulturerbe profitieren. Entsprechend ist für den einzelnen Kulturbetrieb innerhalb eines Komplexes kein konkreter Nutzen festzustellen. Seit Jahren gerät die Theaterlandschaft aufgrund ihrer überdurchschnittlichen staatlichen Subventionierung und der tendenziell rückläufigen Besucherzahlen unter Druck. In einer umfassenden Debatte wäre daher zunächst über die Rolle des Theaters innerhalb der Gesellschaft zu diskutieren gewesen. Stattdessen wurde es durch die Ernennung zum immateriellen Kulturerbe quasi unter Denkmalschutz gestellt, mitsamt seiner aktuellen Probleme. Insofern könnte sich die Entscheidung, die deutsche Orchester- und Theaterlandschaft in die UNESCO-Liste aufzunehmen, für sie nicht nur als nicht produktiv, sondern mittel- bis langfristig sogar als destruktiv erweisen.

Aber nicht nur die repräsentative Funktion im internationalen Kontext ist problematisch, sondern auch die im nationalen. Wie die Kulturstaatsministerin Monika Grütters betont, stehe das immaterielle Kulturerbe »für unsere lebendige Alltagskultur« und als solche solle sie das »Selbstverständnis der Kulturnation Deutschland« prägen. »Dies trifft sicherlich auf kleine Gruppen zu, die sich einer der Tätigkeiten widmen. Ob allerdings das ganze Land daran Anteil hat, also das

»Selbstverständnis der Kulturnation Deutschlands gestärkt« wird (wie es in der Pressemitteilung heißt), ist fraglich« (Josefine Klein). »Vor allem jedoch sind sie [die vorgelegten immateriellen Kulturgüter] nicht in der Lage […], gemeinsame Identität oder Kultur zu stiften, denn so universell wie in der Argumentation für die immateriellen Kulturgüter angedeutet wird, ist keine dieser kulturellen Praktiken« (Sedef Karakan).

Wir stellen die Frage: Können einzelne regionale Ereignisse als Repräsentanten einer nationalen Identität fungieren? Und wenn schon von kultureller Vielfalt die Rede ist, bleibt zu erwägen, ob nicht eher die Summe sämtlicher regionaler sowie überregionaler kultureller Praktiken diese Vielfalt bewirkt. Dies wiederum problematisiert die Beschränkung auf eine verhältnismäßig kleine und darüber hinaus offensichtlich willkürliche Auswahl an kulturellen Phänomenen. In diesem Sinne könnte man weiter fragen: »[W]as macht den rheinischen Karneval im Gegensatz zum beispielsweise in Baden-Württemberg beliebten Trachtentanz so besonders?« (Maren Wessels).

Darüber hinaus muss aus kulturwissenschaftlicher Perspektive darauf hingewiesen werden, dass sich nationale Identität und kulturelle Vielfalt antithetisch gegenüberstehen. Die Stiftung eines Selbstverständnisses der Kulturnation Deutschland impliziert eine affirmative Homogenität der Kultur, die in Zeiten der Inter- und Transkulturalität obsolet geworden und damit auch in Zukunft nicht zu gebrauchen ist. Im Gegensatz zu dieser konservativen Haltung ist vielmehr die Vielfalt selbst als Identität aufzufassen. Daher wirkt die Reduktion auf eine vermeintlich repräsentative Auswahl kultureller Phänomene und Praktiken zusätzlich als dysfunktional und beliebig.

Dies führt uns zu einem weiteren wichtigen Aspekt, den wir erläutern möchten. Es geht hierbei speziell um die Lebendigkeit der Praktiken im Kontext der bereits angeführten »lebendigen Alltagskultur«, die, so die UNESCO, gestärkt werden soll. Wenn wir von der Prämisse ausgehen, dass Lebendigkeit idealiter Dynamik und Wandelbarkeit impliziert, so könnte sich durch die Aufnahme von kulturellen Praktiken in ein starres, allenfalls quantitativ expandierendes Register gerade ihre gesellschaftliche Dynamik als gefährdet erweisen. Es ist wie in allen Bereichen kultureller Kanonisierung: Was einmal seinen Weg in eine Liste, Statistik oder einen Korpus gefunden hat, wird daraus nicht wieder hinaus fallen wollen. Die Konsequenz ist die affirmative Erstarrung der Praktiken. »Durch bürokratische Erfassung und überregionale Verwaltung einer kulturellen Praktik besteht zum einen grundsätzlich die Gefahr ihrer Festschreibung und Romantisierung, sodass  sie sich nicht mehr als wandelbar und an veränderte gesellschaftliche Anforderungen anpassbar erweist« (Melanie Würtz). Ferner: »Wie auch schon Burkhard Müller in der Süddeutschen Zeitung vom 15.12.2014 kritisiert hat, so scheint es problematisch, diese kulturellen Praktiken, Feste usw., die für die Liste der schutzwürdigen immateriellen Kulturgüter gesammelt wurden, statisch festzuhalten. […] Man kann kulturelle Praktiken nicht »einfrieren« und bewahren, um sich immer wieder an ihnen zu erfreuen oder gar Identität daraus zu schöpfen, da sie sich während ihres Bestehens bereits gewandelt haben und weiter wandeln werden« (Sedef Karakan).

Dem Terminus der »lebendigen Alltagskultur« ist auch die technische Antiquiertheit einzelner Praktiken wie die des Morsens oder der Flößerei entgegenzuhalten: »Weiterhin sind historische Elemente enthalten, insbesondere der Technik- und Wirtschaftsgeschichte, die schlicht als anachronistisch zu bezeichnen sind. Es existieren moderne Substitute« (Phillip Berg). Zweifellos haben solche Techniken ihren Einfluss auf die kulturelle Entwicklung ausgeübt. Ihre Aufnahme in ein Register der lebendigen Alltagskultur scheint hingegen unpassend: »Wo also eine tatsächliche gesellschaftliche oder soziale Relevanz für eine Praktik besteht, wird diese ohnehin weiter ausgeübt und ein solches Verzeichnis erscheint zwecklos; hat sie diese Relevanz verloren, ist es fraglich, ob die Praktik gezwungen am Leben erhalten werden muss« (Melanie Würtz). Hier wird man erneut Zeuge des traurigen Versuchs, im vermeintlichen Namen von »Kultur« die Zeit anzuhalten. Es ist ein Unterschied, ob eine Praktik aufgrund ihrer gesellschaftlichen Relevanz fortgeführt wird oder bloß um einem internationalen Register gerecht zu werden.

Zuletzt möchten wir auf die Tendenz der Kommerzialisierung hinweisen: »Die schützenswerten Traditionen dürfen ein Logo verwenden, von und mit dem sich die jeweilige Organisation erhofft, dass sie beliebter wird, mehr Aufmerksamkeit erlangt und eventuell auch ein neuer wirtschaftlicher Markt erschlossen werden kann (Tourismus)« (Eileen Lohf). Wie sich einzelne Praktiken, wie zum Beispiel regionale Volksfeste wie das Biikebrennen etc., unter dem Einfluss des Tourismus und der Kommerzialisierung in Zukunft verändern, ist allerdings ungewiss. Ebenso, ob sie dann noch den regionalen Stellenwert und die Qualität aufweisen, auf denen ihre Aufnahme in die Liste der UNESCO fußt. In welchem Maße Massenwirksamkeit das Gesicht regionaler Veranstaltungen negativ verändern kann, zeigen Phänomene wie das Münchner Oktoberfest. Es steht nunmehr lediglich im Zeichen der Selbstinszenierung und des Events und fällt aufgrund stetig steigender Preise und der alljährlichen Ausschreitungen der Besucher weitgehend negativ auf. Sowohl der genuin kulturelle Wert dieses Events, als auch die nach außen mit ihm vermittelte Botschaft sind fraglich. Ob den bislang noch kleineren Festivitäten, die nun ihren Weg in die UNESCO-Liste gefunden haben, eine ähnliche Entwicklung bevorsteht, bleibt abzuwarten.

Wir fassen unsere Kernthesen, die wir zur Diskussion stellen möchten, zusammen: Zunächst stellt sich uns der reelle Nutzen der Liste als zweifelhaft dar. Uns scheinen die repräsentative Funktion ihres Inhalts sowohl im nationalen als auch im internationalen Kontext sowie die meritorischen Vorteile für die einzelnen Phänomene fraglich. Zugleich sehen wir in diesem Register die Gefahr der bürokratischen und institutionellen Erstarrung der Gepflogenheiten sowie ihre Kommerzialisierung. Qualitätsverlust und die Entfremdung der einzelnen Praktiken von ihren gesellschaftlichen Trägern – und damit ihre Obsoleszenz! wären die Folge. Es ist weiterhin fraglich, ob die gedankliche Tiefe der Diskussion bislang ausreicht, um zukunftssicher über komplexe Zusammenhänge wie die »kulturelle Identität« einer Nation zu sprechen. Dies gilt vor allem, wenn daraus politische Handhabe, die in diesem Feld dringend nötig ist, abgeleitet werden soll. Ohne Frage fußt das Unternehmen des Registers auf guten Absichten und wir erkennen das Bestreben, damit einen »Beitrag zur Archivierung und für die informative Weitergabe an nachfolgende Generationen« (David Bartels) zu leisten. Allerdings sehen wir die Gesellschaft in die kulturpolitische Kommunikation nur unzureichend eingebunden. Es ist unser Anliegen, dass dieses Schreiben als Beitrag zu dieser Diskussion verstanden wird. Wir erhoffen uns ebenso ernsthafte Reaktionen von Ihrer Seite.

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3 Gedanken zu „Zur UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes

  1. Alles hätte gut sein können: Wolfgang Hippes Exzellenztext zum Thema wirft wirklich fruchtbare wie unterhaltsame Perspektiven auf die fast schon philologisch-dröge anmutende Kulturerbe-Debatte. Benjamin Hanke, Referent für die Geschäftsstelle Immaterielles Kulturerbe der Deutschen UNESCO-Kommission, weiß was er weiß und hilft in seiner Kommentierung und Richtigstellung den freilich wenig klaren Gedanken in dem Beitrag der Masterstudenten (mit kulturökonomischem Schwerpunkt) an der Philosophischen Fakultät der CAU zu Kiel wieder auf die Beine. So profund, so übersichtlich, so kompetent kann es zugehen im weiten Feld der Debatten um Kultur. Ich fühle mich gut versorgt. Es geht um die nachweisbare Lebendigkeit von Kultur, deren Identität stiftende Komponente für die Trägergemeinschaft, um die Weitergabe von Wissen und Können als auch deren Dispositive der Innovation und Transformation. Und natürlich geht es um den freien Zugang zur Tradition und den Beteiligungsgedanken: die Einbindung der gesamten Gemeinschaft.

    Jetzt schaltet sich mit Martin Lätzel ein Lehrbeauftragter derselben oben bereits benannten Fakultät der CAU zu Kiel ein, „ein paar eigene Gedanken zu ergänzen“. Allein deren Mehrwert für die Debatte erschließt sich nicht. Das ist schnell klar, praktiziert der Grundansatz zum Thema bereits ein gravierendes Missverständnis: „Der Titel des Immateriellen Kulturerbes insinuiert nun, es gebe etwas, das unsere Kultur im ‚Innersten zusammen hält‘.“ Dieser Verdacht geht – trotz Versuchs einer philosophischen Aufwertung – inhaltlich wie übrigens auch linguistisch ins Leere. Ein Erbe denotiert eben nicht das, was das Geerbte im Innersten zusammenhält. Dies zu erkennen, muss nicht erst das Beispiel mit dem geerbten Schrottauto des Großvaters durchgespielt werden. Diese Annahme ist schlicht irreführend. Vielleicht meint das Gesagte, unserer Kulturerbe-Debatte die Entdeckung beisteuern zu wollen, dass sich im Vorgang des Vererbens das Geerbte – mithin das Erbe selbst – konstituiert. Nur was bringt das unserer aktuellen Diskussion, folgt dieser Vorlage doch lediglich und verhältnismäßig unreflektiert das Begriffspaar „Narrativ:Konstitutiv“ als Vehikel für das Insistieren, die Traumpfade der Aborigines, der Deutsche Idealismus, die Märchen der Gebrüder Grimm, die Nibelungensage müssten in das Auswahlverfahren eingepflegt werden. Dies seien die wahren „Praktiken“, worüber diskutiert werden müsse. Warum so vorwurfsvoll, wenn man sich doch nur richtig erinnern könnte? Das Nibelungenlied ist zu finden im 300 Dokumente umfassenden UNESCO-Register „Memory of the World“. In diesem Register finden sich übrigens auch die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Dann ein weiterer Einfall zu den „Praktiken“: „Stolz um deren Anerkennung“ könnte wie am Beispiel des Theaters dazu „verführen, sich nicht weiterzuentwickeln, weil ja das Erbe bewahrt werden soll“. Ist das wirklich so oder nur ein Phänomen der Kulturentwicklung im nördlichsten Bundesland? Ist Kultur bereits der Trägheit und dem Stillstand ausgesetzt, nur weil es Anhänger und Anerkennung gibt? Wieder dieses Missverständnis zur „Auszeichnung“. Es geht nicht um die Auszeichnung der Geschichte einer Kultur – weder im Narrativ noch im Konstitutiv! Mit dem gegenständlichen Verzeichnis wird mitgeschrieben an der Geschichte der Kultur in unserer globalisierten Welt – sie wird fortgeschrieben mit hoffentlich positiven Effekten für unser aller Zusammenleben innerhalb und außerhalb nationaler Grenzen. Und überhaupt Grenzen: Zeitgemäße und zukunftsorientierte Strategien zur Raum-, Landes- und Regionalentwicklung, deren Erforschung und Anwendungen, gehen schon lange von Metaregionen aus, die ganz anderen Gesetzmäßigkeiten gehorchen – schaffen diese Territorien grenzübergreifend, ohne damit nationale Identitätskrisen heraufzubeschwören. Traditionsreiche Beispiele hierfür sind die sogenannten Metropolregionen, Handels- und Wirtschaftsregionen und insbesondere die Wissens- und Innovationsregionen Was übrigens durchaus in Einklang mit der föderalen Ausrichtung unseres Landes zu bringen ist.

    Bedauerlicherweise fehlt den Ausführungen aus Kiel die Struktur und Klarheit der Gedanken. So verläuft sich die Diskussion um das Immaterielle Kulturerbe – so geführt tut sie der Sache nicht gut. Wo ist der Diskurs zur aktuellen Kulturpolitik? Es fehlt die Positionierung zu grundlegenden Frage nach tatsächlichem Anspruch eines solchen Verzeichnisses, nach der Qualität einer modernen Deutung von Tradition und Geschichte, nach der Dimension von Vergessen und deren gesellschaftlicher Angst davor, nach Sinn und Bedeutung von Materie und Gedächtnis in einer bedrohten Welt. Dies ist nur eine kleine Auswahl an Fragestellungen. Der Kieler Kommentar schafft sich dagegen selbst Voraussetzungen, die im Zusammenhang nichts zur Sache beitragen. Am Ende sind wir so unwissend wie vorher. Eine ernsthafte Spurensuche zur Verortung des eigentlichen Problems in der aktuellen Debatte zu Kulturerbe, Brauchtum und Kulturpolitik ist nicht umgesetzt. Stattdessen argumentative Zirkelschlüsse und Placebo-Diskurse. Insofern ist auch die Forderung primär nach dem Narrativ als Prädestination für kulturelle „Auszeichnung“ sinnentleert. Es soll nichts ausgezeichnet werden. Vielmehr geht es – durchaus in Dialektik des Geistes mit Perspektive von Ästhetik, Bildung und Tradition – um das Bewahren und Wissen um die Bedingungen und Chancen für Bestand und Entwicklung von Kultur. Insofern manifestiert sich auch das konstitutive Moment in Anspruch und Umsetzung der Arbeit des DUK, deren Ergebnisse prozessual verstanden sein wollen: Vorschlag und Bewerbung sichern Beteiligungsqualität und turnusmäßige Aktualisierung. Das Verzeichnis steht temporär zu den abgebildeten geschichtlichen Ereignissen und ist somit ein Teil der Geschichtsschreibung – und in dieser Form auch ein Teil unserer Kultur selbst.

    Wünschenswert ist ein kollektives Gedächtnis kultureller Entitäten in einer globalisierten Welt: Wissen, Können, Weitergeben. Hier sind die Dispositive für Transformation und Innovation zu finden – und die Chance einer Sicht auf die Zukunft, wie sie zu früherer Zeit entstanden sein könnte. Es öffnet sich ein ganz neuer Blick auf das Verzeichnis, das sich jetzt in seiner Ausrichtung auf die Moderne und Künftiges qualifiziert als Beitrag zu Entwicklungschancen von Kultur. Deren Kanonisierung in einer ohnehin problematischen Authentizitätsgesellschaft kann selbst noch radikalisierten Veränderungen bei Zerstörung und Auslöschung von Kulturgütern sowie Eingrenzungen der Spektren von Vielfalt und Freiheit kultureller Ausdrucksformen standhalten – eine Leistung, die nicht nur angesichts aktueller Verbrechen am Kulturerbe in Palmyra, Aleppo und Damaskus oder auch Timbuktu von unschätzbarem Wert ist.

    Allein für diesen Aspekt einer enzyklopädischen Vorsorge und Voraussicht schon gebührt dem DUK die Unterstützung.

  2. Die Diskussion über das Immaterielle Kulturerbe, wie sie hier geführt wird, ist gut und notwendig. Ich erlaube mir, ein paar eigene Gedanken zu ergänzen. Was ist ein Erbe? Ein Erbe ist etwas, dass von vorherigen Generationen übereignet wurde. Ungefragt zumeist und oft auch ohne konkreten Auftrag. Das Erbe kann angenommen oder ausgeschlagen werden. Im ersten Fall, kann es nützlich sein, vermehrt werden oder dient, wie Omas Teeservice, schlicht der Erinnerung. Mit dem Kulturerbe verhält es sich ähnlich, wenn auch nicht so konkret. Denn der Begriff besagt ja, dass es sich hierbei um ein Erbe im Rahmen unserer Kultur handelt, also etwas, dass für unser Zusammenleben insofern konstitutiv ist, als es zu seiner Herleitung und Begründung hilfreich ist. Das kann zur Identifikation dienen, diese ist aber oft regional limitiert. Der Kölner Dom ist sicher Ausdruck deutscher Nationalidentität (wenn auch fragwürdig und dem Verdacht des deutschtümelnden Chauvinismus des 19. Jahrhunderts ausgesetzt), anders verhält es sich jedoch mit der Zeche Zollverein oder der Hamburger Speicherstadt. Erstere steht exemplarisch für die Montanindustrie in Westfalen und Oberschlesien, zweitere für die Handelstradition der Hansestädte. Mit nationaler Identität hat das nichts zu tun, zumal dies in einem Land wie Deutschland, dessen Grenzen nie mit den Sprachgrenzen identisch waren und dass nie ein wahres Nationalgefühl gekannt hat – höchstens ein pervertiertes – eher schwierig ist. Das Kulturerbe ist also Zeugnis verschiedener Identitäten und föderaler Heterogenität. Warum auch nicht. Der Titel des Immateriellen Kulturerbes insinuiert nun, es gebe etwas, das unsere Kultur im „Innersten zusammen hält“. Und hier beginnt nun ein Missverständnis. Die eigentliche Idee ist doch, Narrative auszuzeichnen, die für eine Kultur oder die Geschichte einer Kultur, ebenso bedeutsam sind, wie es beispielsweise der Kölner Dom ist. Dazu gehören die Traumpfade der Aborigines. Oder die Märchen der Gebrüder Grimm, die in der Debatte noch nie erwähnt wurden. Die Nibelungensage. Der deutsche Idealismus. Darüber müsste man diskutieren. Stattdessen, und hier beginnt meines Erachtens das Problem, werden Praktiken in die Diskussion gebracht, die zwar zweifelsohne einen Kulturbeitrag darstellen, aber weder ein Narrativ sind noch gar konstitutiv. Dass es in Deutschland viele Brotrezepte gibt, mag schön sein, reicht aber für ein kulturelles Erbe nicht aus. Und die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft unter Schutz zu stellen, vermittelt doch stark den Eindruck, hier solle ein musealer Wall gegen das zugegebenermaßen allzu neoliberale Denken in den Rathäusern und Landeshauptstädten aufgebaut werden, das im Theater nur eine finanzielle Last und keinen Beitrag zur Entwicklung der Gesellschaft sieht. Die Kehrseite ist doch, dass der Stolz um die Anerkennung dazu verführt, sich nicht weiterzuentwickeln, weil ja das Erbe bewahrt werden soll. Dabei lebt das Theater von Veränderung. Etwas anderes ist es mit der Biike. Die ist zwar auch sehr lokal, aber zumindest haben vor gut 150 findige Volkskundler hier eine Geschichte gereimt. Die lässt sich zwar historisch nicht verifizieren, aber die Friesen beziehen eine gehörige Portion Identität daraus.
    Wenn man also das Kind nicht mit dem Bade ausschütten will, muss man sich darüber Gedanken machen, ob man weiterhin (Kunst)Handwerk und lokale Traditionen (mit der Hoffnung auf ökonomische Erfolge) auszeichnen will, oder nicht eher die Geschichten sucht, die unser Land zu dem gemacht haben, was es ist – oder vorgibt zu sein.

  3. Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Kieler Studierende,

    wir freuen uns sehr über das Interesse am immateriellen Kulturerbe. Die Lektüre dieses Beitrags hat uns aber doch etwas überrascht, denn von Studierenden im Master mit kulturökonomischem Schwerpunkt hätten wir vor Verfassen eines explizit darauf bezogenen Debattenbeitrags eine genauere Kenntnis des Textes des UNESCO-Übereinkommens zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes erwartet und uns einen Blick in die online veröffentlichten Arbeitspapiere, Basisinfos, FAQs und Publikationen der Deutschen UNESCO-Kommission und somit eine wirkliche Beschäftigung mit der realen Umsetzung in Deutschland und dem Konzept dahinter erhofft. So kommt es leider zu einer Reihe von falschen Annahmen und demonstrierter Unkenntnis.

    9 Punkte, die besonders auffällig sind:
    1. Das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes ist kein internationales Register. Es geht um eine deutschlandweite Bestandsaufnahme, die in anderen Kulturbereichen (Denkmalschutz, Kulturgüter) selbstverständlich ist. Das Verzeichnis ist kein Selbstzweck, sondern dient der Bewusstseinsförderung für die Bedeutung von Formen des menschlichen Wissens und Könnens. Es handelt sich beim bundesweiten Verzeichnis eben um keine Liste, sondern um ein Verzeichnis. Diese Unterscheidung der Begriffsbezeichnung ist gerade im Hinblick auf die geäußerte Kritik nicht trivial.
    2. Dieses Verzeichnis soll nicht „die Identität unseres Landes“ abbilden, sondern die Identitäten, Wissens- und Könnenformen von Gruppen in unserem Land. Die Einträge sollen also nicht Deutschlands spezifische Identität repräsentieren, sondern ein breites, vielfältiges Bild von Traditionen, Wissens- und Könnensformen in Deutschland abgeben. Dies schließt migrantische und mobile Traditionen ausdrücklich mit ein. Es geht also nicht darum, dass die Einträge repräsentativ für Deutschland stehen, sondern es soll Immaterielles Kulturerbe in Deutschland repräsentativ abgebildet werden.
    3. Es wird überhaupt gar nicht primär das Ziel verfolgt, die Einträge einer internationalen Jury vorzulegen und „sich als kulturelles Erbe von Welt zu beweisen“, sondern ihnen in Deutschland Aufmerksamkeit und Anerkennung zu geben. Im UNESCO-Kontext werden im Übrigen eher Gemeinsamkeiten der Kulturen statt Differenzen gesucht, wobei selbstredend die Vielfalt hoch geschätzt und geachtet wird.
    4. Beim immateriellen Kulturerbe wird nichts „quasi unter Denkmalschutz gestellt“! Darum geht es eben nicht. Das Konzept von „Erhaltung immateriellen Kulturerbes“ meint die Bedingungen für den Fortbestand und die Weiterentwicklungen der Kulturformen zu schaffen bzw. zu sichern. In der Konvention werden Maßnahmen genannt, weitere Informationen liefern die Richtlinien zur Durchführung des Übereinkommens (Operational Guidelines). Die Auswahl der jeweils geeigneten Maßnahmen treffen aber die Trägergruppen der jeweiligen Kulturform.
    5. Die Auswahl der Einträge für das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes ist nicht zufällig, da es einen Bottom-up-Vorschlagsprozess gibt, an dem sich jede Gruppe beteiligen kann. So wird sich nach und nach ein repräsentatives Bild ergeben.
    6. Die Studierenden weisen zurecht auf ohne Zweifel vorhandene Gefahren wie eine Kanonisierung hin, die vom Expertenkomitee Immaterielles Kulturerbe und der DUK ebenfalls wiederholt betont und geäußert wurden (u.a. in öffentlichen Arbeitspapier und den öffentlich zugänglichen Ergebnisdokumenten der Fachtagungen 2013 & 2015). Die relativ einseitige Einschätzung aus der Süddeutschen Zeitung als alleinige Basis der Argumentation zu nehmen, zeugt von wenig Wissenschaftlichkeit.
    7. Dem Vorwurf, dass vermeintlich antiquierte Techniken in das Verzeichnis aufgenommen wurden, ist entgegenzuhalten, dass es eben Gruppen gibt, die diese kulturellen Techniken noch praktizieren und für die diese heute noch sinn- und identitätsstiftend sind. Was obsolet ist, sollte sicher nicht von Akademikern festgelegt werden, sondern das bestimmen glücklicherweise die Trägergruppen selbst. Zugleich zwingt niemand irgendjemanden, etwas am Leben zu halten. Das können sowieso nur die Trägergruppen. Und ihre Bewerbung für das Verzeichnis (Bottom-up-Prozess) ist ein selbstgewählter Schritt.
    8. Auf die Gefahren der Kommerzialisierung haben die Mitglieder des Expertenkomitees und die DUK ebenfalls wiederholt hingewiesen. Das Logo des bundesweiten Verzeichnisses („Wissen. Können. Weitergeben.“) kann übrigens nur für nicht-kommerzielle Zwecke genutzt werden.
    9. Zuletzt fällt v.a. auf, dass die z.T. natürlich berechtigte und wichtige Kritik den Verfassern leicht von der Feder geht, auch „politische Handhabe, die in diesem Feld dringend nötig (sei)“ wird gefordert. Leider werden aber keine konkreten Ideen und konstruktiven Vorschläge für diese politischen Maßnahmen angeführt.

    So sehr wir Beiträge zur Debatte begrüßen, hätten wir uns in diesem Fall eine fundierte Beschäftigung mit dem Gegenstand vor dem Verfassen sehr gewünscht.

    Benjamin Hanke, Referent
    für die Geschäftsstelle Immaterielles Kulturerbe
    der Deutschen UNESCO-Kommission

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