Eckpunkte für eine Neue Kulturpolitik

Von Peter Vermeulen

Der Umbau in der Kulturförderlandschaft ist nötig

Die Autoren des Buches prophezeien der öffentlich geförderten Kultur in Deutschland, Österreich und der Schweiz bei einem Weiter-so den »Kulturinfarkt«. Sie verstehen ihre Schrift als »Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention«, die sie aber ernst meinen.

Entstehungshintergrund

Die Krise der Staatsfinanzen, der Mangel in den Stadtkassen reduziert die Zuwachsraten, die für die Fortfinanzierung der öffentlichen Kultur erforderlich sind. Kultur steht bei allen Sparanstrengungen als freiwillige Aufgabe immer an erster Stelle. Will man mit weniger Geld, mehr oder anderes machen, Kultur also entwickeln und gestalten, bedürfte es eines Umbaus in der Kulturförderlandschaft. Dieser aber ist bisher ausgeblieben. Öffentliche Kulturförderung beschränkt sich zunehmend auf die Finanzierung der je nach Größe einer Stadt vorhandenen Kulturinstitute, der Archive, Bibliotheken, Museen, Musikschulen, Orchester, Opern, Theater und Volkshochschulen. Von diesen Instituten gibt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz viele und sie bieten fast überall das Gleiche.

Diese unglaubliche Dichte einer somit verlässlich entwickelten Kulturlandschaft erreicht allerdings nur wenige Kulturinteressierte. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung interessiert sich schlicht nicht für diese Kultur, die mit der Krise der öffentlichen Kassen unter zunehmenden Legitimationsdruck gerät.

Inhalt

Die Autoren sägen mit ihrem Werk an dem Argumentationsgerüst der öffentlichen Kulturförderung, in dem sie messerscharf ein Argument nach dem anderen analysieren, bewerten und als kaum tragfähig verwerfen. Dieser Angriff auf das bestehende System der Kulturförderung erfolgt nicht in destruktiver Absicht. Die Autoren postulieren Thesen für eine wirkliche Reform, entwickeln Eckpunkte für eine Neue Kulturpolitik.

Wenn quantitatives Wachstum in unserer Volkswirtschaft kein Treiber mehr ist, muss qualitatives Wachstum an seine Stelle treten. Wenn aber die Finanzierung öffentlicher Kultur ganz überwiegend auf öffentlicher Förderung basiert und eigene Einnahmen im Grunde keine Rolle spielen, können Kostensteigerungen ohne eine Subventionserhöhung nicht finanziert werden. Wenn es diese nicht mehr gibt, bleibt das »Gefäß« und der Inhalt schrumpft: verringertes Personal, sinkende Sachkostenbudgets, geringere Öffnungszeiten, kleinere Veranstaltungen, abnehmende Qualität.

»Die Gleichung <Mehr Kunst, mehr Kultur, mehr Angebot, mehr Kunstvermittlung = bessere Welt> geht nicht auf.« (S.130) Ob mit oder ohne Kulturpolitik, ob mit oder ohne Förderung »Kunst und die mit ihr verbundenen Phänomene wird es immer geben. Die Sphäre der Kunst ist eine Sphäre sozialer Verständigung. Keine Gesellschaft verzichtet darauf.« (S. 132) Die Autoren sehen die größte Gefahr in einer Erstarrung unserer Kulturlandschaft. Kunst und Kultur sind dynamisch. »Optimisten, die wir sind, sehen wir in diesem Wandel Vorteile. Für die Künstler wie für die Konsumenten, allerdings nicht für die Verwalter des Jetzt.« (S.132)

Jede Museumsdirektorin, jeder Theaterintendant prangert heute die »Ökonomisierung der Kultur« in zentralen Reden an. Die Autoren weisen nach, dass hieran nichts Schlechtes ist bzw. dass unternehmerisches Handeln nicht per se kulturfeindlich ist. Im Gegenteil. Und sie räumen auf mit den Hilfsargumentationen wie der Umwegrentabilität, der Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik und dem Heilsboten »Kulturwirtschaft«.

Bei ihrem Gegenentwurf für eine Neue Kulturpolitik gehen die Autoren von dem Konzept des »mündigen« Bürgers aus, der frei wählt, was ihm gefällt, der sich nicht von Kultur erziehen lassen will, der freie Bildung akzeptiert, aber Erziehungsanstalten ablehnt. Kulturinstitute brauchen, so die These, als Korrektiv den Markt. Ohne einen vorgegebenen und deutlich höheren Selbstfinanzierungsgrad, also ohne nennenswertere eigene Einnahmen, soll ein Kulturinstitut nicht überleben dürfen. »Sagen wir: Der heutige Prozentsatz plus 20 Prozent.« (S. 183)

Mit den Fragen »Wie wirkt öffentliche Förderung, wie kann ihre Wirkung verbessert werden?« (S. 193) eröffnen die Autoren eine grundsätzliche Betrachtung, mit der sie das System der Kulturförderung unter ordnungspolitischen Gesichtspunkten durchforsten. Und danach folgt die Frage: »…was wäre gefährdet, wenn die Hälfte der Theater und Museen verschwände, einige Archive zusammengelegt und Konzertbühnen privatisiert würden?« (S. 209) Die eingesparten Mittel sollen der Kulturentwicklung zugute kommen. Sie sollen genutzt werden, um Dynamik zu fördern, Bewegung, Veränderung. Die Autoren fordern je ein Fünftel auf die nachstehenden Bereiche zu verteilen:

  • für die überlebenden Kulturinstitute, um diese besser auszustatten
  • für die Förderung der Laienkultur
  • für die »noch nicht existente Kulturindustrie« (S. 211)
  • für die Kunsthochschulen
  • für eine »gegenwartsbezogene kulturelle Bildung«

Bewertung

Thilo Sarrazin spottete Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhundert als Berliner Finanzsenator über eine zu geringe Kulturförderung sinngemäß, die Klage käme ihm vor wie die Diskussion von zwei Verdurstenden, die sich unter der sengenden Sonne der Wüste darüber unterhielten, ob Wein oder Bier zum Durstlöschen geeigneter sei. Die Knappheit öffentlicher Kulturförderung ist also schon lange ein Thema und bisher nicht gelöst. Kulturkritiker gibt es auch schon lange und eine »klammheimliche« Kulturfeindlichkeit mag unterstellen, wer analysiert, dass nur ein kleiner Bruchteil der Bevölkerung zu den aktiven Nutzern öffentlicher Kulturangebote zählt.

Zu Thilo Sarrazin und seinem Werk »Deutschland schafft sich ab« hat das Buch »Der Kulturinfarkt« keine Nähe. Alle Vergleiche verbieten sich. Gleichwohl hat es ähnlich provoziert. Die Welle der Empörung riss seit der SPIEGEL-Veröffentlichung nicht ab. Künstler starteten Kampagnen. Kulturinstitutsleiter verwehrten sich. Dabei wird der Versuch unternommen, die Autoren zu diskreditieren. Doch genau das gelingt nicht. Der Vorwurf, die Autoren wüssten nicht, worüber sie sprechen, greift ins Leere. Profundere Kenner der Kulturlandschaft, der Kulturförderung und des Kulturmanagements gibt es wahrscheinlich nur ganz, ganz wenige.

Die Kulturpolitische Gesellschaft schaltete einen Pressespiegel[1], der 14 Tage nach der Buchveröffentlichung schon 6 Seiten umfasste. Lesenswert, weil von einem der Wenigen, die das Buch auch gelesen zu haben scheinen, ist die Besprechung von Olaf Martin[2]. Übersichtlich filtert er einen Überblick der Maßnahmen, die in dem Buch wohlbegründet und doch so anderen kulturpolitischen Überlegungen entsprießen als die heute herrschenden.

Im »Kulturinfarkt« belassen es die Autoren nicht bei einer Analyse, überziehen den Status-quo nicht mit einer Polemik, die zynisch ist, wollen die Autoren nicht nur provozieren, sondern sie hinterfragen Kulturpolitik, die rational daherkommt, aber offensichtlich nur irrational begründet ist. »Sie ist ›historisch gewachsen‹. Auf diese Formel einigt man sich in der Kulturpolitik immer dann, wenn es keine nachvollziehbare Begründung für den Fluss von Steuergeldern gibt.« (S. 51).

Allerdings erscheint mir der von den Autoren gewählte Ansatz einer rationalen Kulturpolitik schwierig. Deutschland ist ein föderaler Staat. Kulturpolitik ist eine der wenigen kommunalen Gestaltungsräume. Kulturpolitik auf kommunaler Ebene ist aber eben nicht rational. »Von allem zuviel und überall das Gleiche« ist Ergebnis der föderalen Kulturlandschaft.

Jedes Kulturinstitut hat seine Lobby. Und der Kulturbürger ist staatstragend. Er sitzt in Politik und Verwaltung, er sitzt ihr auf dem Schoß oder ist eng mit ihr verbandelt. Und weil der Kulturbürger nicht in der Mehrheit ist, fristet Kultur traditionell ein Schattendasein. Ihre Scheinwerfer beleuchten eine eng begrenzte Bühne. Die großen Politikentscheidungen werden von anderen getroffen, nicht von den Kulturpolitikern. Die sitzen bei den Veranstaltungen in den ersten Reihen, in den Ratssälen aber eher auf den Hinterbänken.

Wer ernsthaft an Kultur und Kulturpolitik interessiert ist, sollte diese Polemik lesen. Weil das Buch von vier Autoren verfasst ist, die sich in den Kapiteln nicht als Urheber outen, gibt es Redundanzen. Gleiche Argumentationsketten werden unterschiedlich angegangen, wirken wie Wiederholungen.

Doch das Buch ist unterhaltsam geschrieben. Sprachlich anregend, inhaltlich fundiert.

Keiner sollte sich durch die zahlreichen Verrisse dieses Buches irritieren lassen. Das Buch sägt an der existenziellen Legitimation der tragenden Säulen des deutschen Kulturbetriebs. Heftige Gegenwehr ist da garantiert. Doch die Grundsatzfrage bleibt: wie innovativ können Staatsbetriebe sein? Wie abhängig ist Innovation vom Markt? Oder anders: hätten die VEB Automobilwerke Zwickau (volkseigene Betriebe) den Trabi je zu einem wettbewerbstauglichen Auto entwickeln können?

Die Autoren entwerfen die Grundzüge für eine rationale Kulturpolitik. Und sie entlarven die bestehende Kulturpolitik und ihre Instrumente als im Grunde nicht politisch, nicht strategisch, nicht planvoll, nicht systematisch. Wie seinerzeit Herrmann Glaser und Hillmar Hoffmann den Schlachtruf »Kultur für alle« in die Welt setzten, werden Haselbach, Klein, Knüsel und Opitz den kulturpolitischen Diskurs verändern und um einen konsequenteren Marktblick erweitern.

Kultur darf wieder Spaß machen!

(Prof. Peter Vermeulen ist Beigeordneter der Stadt Mülheim an der Ruhr)

Advertisements

Ein Gedanke zu „Eckpunkte für eine Neue Kulturpolitik

  1. Die Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren (LAG NW) und das ZAKK in Düsseldorf laden ein zur Diskussion „Kulturinfarkt“ und die Landtagswahlen: Wer steht vorm Infarkt oder sind alle doch kerngesund?
    Donnerstag, 10.5.2012, 19 Uhr im ZAKK in Düsseldorf, Fichtenstr. 40
    TeilnehmerInnen: Dieter Haselbach, einer der Autoren vom „Kulturinfarkt“; Oliver Keymis, Bündnis 90/Die Grünen; Andreas Bialas, SPD; Angela Freimuth, FDP; Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff; Vorsitzender des Kulturforums der CDU NRW; Markus Renner, Die Linke; Apostolos Tsalastras, Dezernent für Finanzen, Gesundheit und Kultur Oberhausen, Elle Nerdinger, Die Piraten. Peter Grabowski, freier Mitarbeiter beim WDR, wird die Veranstaltung moderieren.
    Hintergrund:
    Gerd Dallmann, LAGS Soziokultur Niedersachsen: „Was bleibt: nicht immer haben die, die am Lautesten rufen, auch die besten Ideen, aber wenn es ihnen gelingt, andere zum Mitdenken und –reden zu provozieren, soll es mir Recht sein.“
    Mehr unter: http://inhalt.soziokultur-nrw.de/_seiten/kulturinfarkt.htm
    Angefangen hat es mit dem Spiegel-Artikel „Die Hälfte“ von Dieter Haselbach (Leiter des Zentrums für Kulturforschung), Armin Klein (Professor für Kulturmanagement in Ludwigsburg und Vorstandsmitglied der Kulturpolitischen Gesellschaft), Pius Knüsel (Direktor der Kulturstiftung Pro Helvetia) und Stephan Opitz (Leiter des Referats für Kulturelle Grundsatzfragen im Bildungsministerium von Schleswig-Holstein), der eine lebhafte Debatte hervorrief. Für die einen eine große Provokation und das Geschäft der Sparfraktion, der Haushälter spielend, für andere ein interessanter, auch mit Fehlern behafteter, Diskussionsansatz. Für wieder andere nicht diskutierbar und sollte möglichst unter die Decke gekehrt, für andere endlich mal eine deutlicher Aufschrei, die kulturpolitische Debatte mal anders zu führen. Wir als LAG NW haben da ähnliche Erfahrungen. Vor zwei Jahren mit dem Aufruf „Wir machen den Scheiß nicht mehr mit“ und im letzten Jahr mit der „Neidkampagne“ haben wir versucht, andere Wege in der Diskussion um die Kulturpolitik zu gehen. Mit dem Buch „Kulturinfarkt“ ist das ein anderer Versuch und im Angesicht der Landtagswahlen und der wenigen konträren Diskussionen wollen es doch mal wagen. Da wir natürlich nicht das ganze Buch diskutieren können, konzentrieren wir uns auf die Landesthemen und das unter folgender Themenstellung:
    Programm für das Engagement des Landes in der Kultur
    Die Überlegung dabei: Kulturelle Infrastrukturen sind kommunal. Die Kommunen in NRW sind mit der Finanzierung ihrer Infrastrukturen vielerorts überfordert. Wird die neue Landesregierung mit einer Situation umgehen, dass viele Kommunen ihre kulturellen Institutionen nicht halten oder adäquat ausstatten können?
    und insbesondere der Punkt: Generationsgerechtigkeit und Inklusion in der Kulturförderung.
    Die These dahinter: Es sind nur die Bedürfnisse weniger Generationen und weniger Schichten in der Gesellschaft in der geförderten Kultur umfassend befriedigt. Andere Formen und Gruppen kommen nicht oder nur marginal vor. Gibt es Pläne, dieses zu ändern?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s