Drei grundlegende Mängel des Buchs »Der Kulturinfarkt: Von Allem zu viel und überall das Gleiche«

Von Peter M. Lynen

Das Buch hat eine kontroverse Diskussion hervorgerufen. Dies dürfte durchaus im Sinne der Verfasser liegen. Bei derartigen Auseinandersetzungen, in die auch Emotionen gelangen, geraten leicht wichtige Grundfragen in Vergessenheit oder werden nachrangig. Solchen Grundsätzen soll hier kurz nachgegangen werden. Dabei zeigt sich, dass das Buch als »Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubventionen« (so bezeichnet es sich selbst) wesentliche Mängel aufweist. Die folgenden drei sind herauszustellen:

  1. Die These des Buchs, von der bisherigen »Angebotsorientierung« zu einer »Nachfrageorientierung« umzusteuern, klingt auf den ersten Blick gut. Dabei wird aber vernachlässigt, dass der Staat nicht von diesem Begriffspaar, sondern von der ihm zugewiesenen »Aufgabenorientierung« auszugehen hat und nicht – wie die Wirtschaft – vom Grundsatz der Privatautonomie geprägt ist. Die Polemik der Verfasser gegen den Begriff Kulturstaat und seine verfassungsmäßig verbürgten Inhalte ist im Wesentlichen nicht haltbar. Worüber man sicher diskutieren kann, ist, welche Aufgaben der Staat in den Bereichen Kunst, Kultur, Bildung und Wissenschaft im Einzelnen heute zu erfüllen hat. Diese Diskussion findet aber längst statt und wird nicht zuletzt auch parteipolitisch ständig geführt. Unabhängig davon ist das von den Autoren aufgegriffene Beispiel des Rundfunks (Hörfunk und Fernsehen) an dieser Stelle zur Beleuchtung des Problems gut geeignet. Es belegt allerdings nicht die These der Verfasser, sondern das Gegenteil. Denn im dualen Rundfunksystem Deutschlands mit einer öffentlich-rechtlichen und einer privatrechtlichen Säule sollte der öffentlich-rechtliche Rundfunk auf Grund seines verbindlichen Auftrags mit der »Programmtrias: Information, Bildung, Unterhaltung« nicht dieselben Formate auf demselben Niveau veranstalten wie der privatrechtlich organisierte Rundfunk, nur weil die »Quote« – also die Nachfrage aus wirtschaftlicher Sicht – es so will. Derzeit verhält sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk aber ausgesprochen nachfrageorientiert und verwässert damit seinen Auftrag. Mit noch mehr oder gar ausschließlicher Nachfrageorientierung würde er sich in der Tat erübrigen. Warum sollte der Bürger das finanzieren wollen, was er woanders billiger erhalten kann? Die Frage, ob das im Sinne von Meinungsfreiheit und -vielfalt sowie den kulturellen Anliegen der Gesellschaft liegt, dürfte eine rhetorische sein. Jedenfalls ist ein Paradigmenwechsel hin zur Nachfrageorientierung im Hinblick auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gerade nicht vorrangig. Gegenteilig ist eine Renaissance der Aufgabenorientierung angesagt.
  2. Im föderalen System der Bundesrepublik Deutschland liegen die Aufgaben in den Bereichen Kunst, Kultur, Bildung und Wissenschaft vornehmlich bei den Ländern und Gemeinden. Insoweit bestehen sowohl klare Zuständigkeitsverteilungen im Grundsätzlichen als auch Konkurrenzen, Wettbewerb, Vielfalt, Mehrfachausstattungen und in der Konsequenz eine gesamtstaatliche Nichtsteuerbarkeit. Die Verfasser des Buchs Kulturinfarkt (und zustimmende Artikel wie derjenige des Handelsblatts vom 30.3./1.4. 2012) fordern nur scheinbar »mehr Markt«. Denn ihre Hauptforderungen (Schließung der Hälfte der Kultureinrichtungen und gezielte Umsteuerung der damit freiwerdenden Mittel und der öffentlichen Kulturaufgaben nach dem im Buch ausgeführten »Fünftelmodell«) ließen sich nur dann flächendeckend und umfassend erfolgsbezogen umsetzen, wenn man das föderale System grundlegend änderte, zentralistische Instrumente der Lenkung einführte und »von außen« oder »von oben« steuernd verordnete, was »vernünftig« und als Kulturangebot »richtig« oder »angemessen« sei. Die Verfasser maßen sich mit Verbindlichkeitsanspruch an, entscheiden zu können, wer was wo kulturell veranstalten und fördern soll. Damit handelt es sich in Wahrheit um ein betont staatliches Modell, das mit der Marktwirtschaft und ihrem grundsätzlich nicht von außen gegängelten Konkurrenzverhalten nicht zu vereinbaren ist. Vertreter der Wirtschaft würden sich gegen vergleichbare politische Steuerungsintentionen – z.B. in Bezug auf den Einzelhandel oder bestimmte Industriezweige – vehement wehren. Die Vorschläge der Verfasser haben auch viel zu wenig mit grundlegenden Prinzipien institutioneller Selbstverwaltung und den eigenen Strukturmerkmalen von Kunst und Wissenschaft gemein. Sie schütten das Kind mit dem Bade aus. Vor einem solchen Paradigmenwechsel sollten wir uns hüten. Wir sollten uns stattdessen daran erinnern, warum man sich in Deutschland von zentralistischen und zielgerichteten Kulturbeglückungen nach 1945 – und in den neuen Bundesländern seit 1990 – abgewandt und die Kultur den Ländern und Gemeinden und nicht zuletzt den öffentlichen Kulturinstitutionen selber als Selbstverwaltungsaufgabe zugewiesen hat. Insoweit ist weiterhin dezentrale Selbstverwaltung mit »staatsfernen« Inhalten angesagt.
  3.  Unbestreitbar ist, dass kulturpolitische Inkompetenz, Kirchturmpolitik und das Denken in Besitzständen und Gewohnheiten (nach dem ehernen Verwaltungsgrundsatz »das haben wir immer schon so gemacht«) zu Fehlinvestitionen und unnötigen Mehrfachausstattungen sowie zu Förderungen von Mittelmäßigkeit in diesen Bereichen geführt hat und führt. Dieser Kritik, welche die Verfasser auch mit (allerdings zu überprüfenden) Zahlen und Beispielen begründen, ist grundsätzlich beizupflichten. Es darf aber nicht übersehen werden, dass längst (seit über zwei Jahrzehnten) hinsichtlich des Managements der öffentlichen Kunst- und Kulturförderung spezifische Instrumente und Methoden unter den Stichworten »New Public Management« oder »Neues Steuerungsmodell« entwickelt worden sind, bei denen durchaus die Betriebswirtschaft und ausländische Modelle Pate standen. Dass dahingehend bislang weder der „Stein der Weisen“ gefunden wurde, noch sich daraus ergebende zutreffende Konsequenzen überall hinreichend »angekommen« sind, steht auf einem anderen Blatt. Wirtschaftliches Denken und öffentliche Kulturförderung einschließlich der Beschäftigung mit Einzelfragen der Aufgaben- und Nachfrageorientierung und hinsichtlich der »Erfolge« kultureller Bemühungen (z.B. mit Instrumenten der Evaluation und des Controlling) schließen sich keineswegs aus, werden auch bereits praktiziert und können in Zukunft positive Ergebnisse zeitigen. So ist z.B. in der Tat zu überlegen, ob an jeder S-Bahn-Haltestelle des Ruhrgebiets ein öffentlicher Kulturbetrieb zu stehen hat, der demjenigen wenige Stationen weiter nicht unerheblich gleicht. Lösen lassen sich solche Aufgaben aber nur durch Einsicht der zuständigen (politischen und kulturellen) Entscheidungsträger, z.B. im Wege vereinbarter Kooperationen (oder sogar Fusionen) über Gemeinde- oder Ländergrenzen hinaus. Das ist mühsame Arbeit am kulturpolitischen Einzelfall – also das »Bohren dicker Bretter« im Sinne von Max Weber – und nicht mit einem paradigmatischen Rundumschlag zu bewältigen, wie die Verfasser es suggerieren. Dementsprechend sind fallbezogene und professionelle Managementanalysen jeweils »vor Ort« angesagt.

Muss man sich aus der Sicht von Kultur und Kulturpolitik über das Buch aufregen?

Einerseits nein. Denn die »eigentlich triviale – Erkenntnis, dass es Fehlsteuerungen auch in Kulturpolitik sowie -management und nicht nur in anderen Politikbereichen sowie in der Wirtschaft gibt, kann durchaus dazu führen, dass man sich solchen Mängeln in Zukunft »vor Ort« gezielter, professioneller und erfolgreicher widmet. Dabei wird sich das kulturstaatliche System indes nicht grundsätzlich ändern und ändern dürfen. Das folgt aus dem Grundgesetz und den Landesverfassungen. Die Autoren schießen ihren Ball systembezogen kraftvoll weit über das Tor.

Anderseits ja. Die öffentlichen Kassen sind leer, nicht zuletzt durch Versagen in anderen Politikbereichen und auch in der Wirtschaft, was die jüngste Finanzkrise eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat. Im Verteilungskampf um öffentliche Mittel und in der Konkurrenz mit anderen Politikbereichen werden es die Kulturpolitik und deren Protagonisten bei solchen Thesen noch schwerer haben, sich erfolgreich zu behaupten. Die Verfasser stigmatisieren einen Bereich, der das in dieser Schärfe nicht verdient hat. Sie wehren sich zwar dagegen, dass aus ihrer These, die kulturellen Institutionen zu reduzieren, unzutreffend geschlossen werde, die Kulturausgaben insgesamt zu senken. Solche Gefahren vermehren sie jedoch, weil jeweils ortsbezogen entschieden wird. Damit schadet das Buch mehr, als es nutzt.

(Der Verfasser ist Professor an der Hochschule für Musik und Tanz Köln und dort Leiter des Zentrums für Internationales Kunstmanagement (CIAM); außerdem gehört er als Mitglied und Sekretar (Vizepräsident) der Klasse der Künste der NRW-Akademie der Wissenschaften und der Künste an.)

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