Wieder eine neue Sau durchs Dorf getrieben

Replik zum Kulturinfarkt

Von Hermann Glaser

In ihrem Kommentar »Der Kulturinfarkt – eine Kontraindikation« (Nr. 136 der KpM) haben sich Oliver Scheytt und Norbert Sievers mit dem im Augenblick viel diskutierten Buch gleichen Titels von Dieter Hasselbach und Gefährten beschäftigt. Sie tun dies auf eine Weise, wie es schon lange gute Tradition des kulturpolitischen Diskurses ist: indem sie ohne Zorn, aber engagiert, vielfach in Frageform, unter Bezug auf Fakten und mit Selbstkritik (dabei sich der Diskrepanz von Idee und Wirklichkeit schmerzlich bewusst) die im Buch vorgestellten Argumente zum Anlass für eine weiterführende Beschäftigung mit der Thematik nehmen.

Diese Methode, Errungenschaft jahrzehntelanger Einübung in die aufgeklärte, um Ent-Ideologisierung bemühte Gesprächskultur ist ja im Besonderen auch das Ergebnis der bewährten Philosophie der Kulturpolitischen Gesellschaft; solcher »Mentalität« verpflichtet, haben die beiden Autoren des Kommentars auch viel publiziert.

Das für mich Erschütternde ist, dass diese, im Jugendjargon als »cool« – eine semantisch vieldeutige Vokabel – zu bezeichnende Vorgehensweise den Skandal des Buches essentiell nicht trifft. Die Autoren der Kulturinfarkt-These wären zwar sowohl von ihrer professionellen Sozialisation als auch beruflichen Praxis her voll in der Lage, den rationalen Diskurs gedankenreich zu führen, (allerdings sind sie in der Auswahl ihrer Materialien und Belege einseitig); das Schlimme ist jedoch, dass sie, abgesehen davon, dass sie vereinzelt dies auch tun, letztlich das aufgeklärte, dialektisch inspirierende Kulturgespräch gar nicht wollen. Die Verfasser des Kulturinfarkt-Buches haben sich dafür entschieden, nicht mit Friedrich Schiller (der peripher zitiert wird) mit einer »Beschäftigung, die nie ermattet, die langsam schafft, doch nie zerstört«, dadurch zum »Bau der Ewigkeit nur Sandkorn um Sandkorn« zu reichen, um so von der »großen Schuld der Zeiten Minuten, Tage, Jahre« zu streichen; die Autoren, die man als kritisch-kompetente Partner beim Bemühen um kulturpolitische Melioration gerne begrüßen würde, haben zugunsten des gängigen fatalen Zeit-Trends ihre Seriosität preisgegeben; sie haben (ich wage die etwas pathetische Formulierung) ihre »kulturpolitische Ethik«, weil erfolgshemmend, einfach abgestreift. Der Trend einer sich rasant pervertierenden Mediengesellschaft ist eben, alles zur quotenfördernden Show zu machen, Wahrheit für vermeintliche, aber publikumswirksame Pointen zu verkaufen bzw., um es burschikoser zu formulieren, stets eine neue Sau durchs Dorf zu treiben. (Diese, die dafür steht, die vorhandenen Kulturetats, da sie immer dem Gleichen dienten, zu halbieren, ist freilich ein altes, schon mehrfach umgetriebenes Tier, was offensichtlich aus dem Gedächtnis geraten ist.)

Man könnte sich damit trösten, dass dieses plagiatöse Buch (denn eigentlich wird nur das kopiert, was innerhalb des seriösen kulturpolitischen, Verbesserung anstrebenden Diskurses seit Jahren, oft Jahrzehnten thematisiert wurde) rasch vergessen wird; aber diese Hoffnung ist trügerisch. Denn diejenigen, die an der Verblödung der Gesellschaft und damit am Abbau der öffentlich finanzierten Kultur arbeiten, sind zäh; sie werden dem Buch zur Nachhaltigkeit verhelfen – haben sie doch nun eine schlagkräftige Unterstützung aus dem Kulturlager selbst. Denn die völlig wirklichkeits- und praxisfremde These der Autoren, dass die um die Hälfte gekürzten Mittel der vorhandenen Kulturetats nun für andere Kulturinitiativen, die nur unpräzise benannt werden, Verwendung finden sollen, ist nur als makabrer Witz zu werten. Wer hat schon einmal ein solches »Etat-Umschichtungs-Wunder« erlebt?

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2 Gedanken zu „Wieder eine neue Sau durchs Dorf getrieben

  1. Hermann Glaser schreibt: „Denn die völlig wirklichkeits- und praxisfremde These der Autoren, dass die um die Hälfte gekürzten Mittel der vorhandenen Kulturetats nun für andere Kulturinitiativen, die nur unpräzise benannt werden, Verwendung finden sollen, ist nur als makabrer Witz zu werten. Wer hat schon einmal ein solches »Etat-Umschichtungs-Wunder« erlebt?“
    Unsere Gesellschaft traut sich zu, eine beispiellose Energie-Wende zu vollziehen, weg von der Atomkraft hin zu erneuerbaren Energien. Unsere Politik vollzieht die Wende von einer Bürgerarmee hin zu einer Freiwilligen-Armee. Und ausgerechnet die Kulturpolitik sollte so utopie- und kraftlos sein, über eine viel geringere Neuorientierung auch nur zu diskutieren? Wäre dem wirklich so, könnte man an dieser Stelle ihre Beerdigung anzeigen.

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