»Nachhaltige Entwicklung«: eine mögliche Vorsorge gegen den drohenden »Kulturinfarkt«?

Von Patrick S. Föhl, Patrick Glogner-Pilz, Yvonne Pröbstle

Wie keine andere Publikation sorgte »Der Kulturinfarkt« für einen Ruck in den kulturpolitischen und kulturmanagerialen Diskussionen im deutschsprachigen Raum. Auf der einen Seite ist dies erfreulich, denn ohne Zweifel stehen wir vor Herausforderungen, die umfassender Überlegungen und ernsthafter Auseinandersetzungen über die »Zukunftsfähigkeit« der deutschen Kulturlandschaft dringend bedürfen. Auf der anderen Seite ist es bedauerlich, dass ein großer Teil der Reaktionen sich in Schwarz-Weiß-Malerei (»kultureller Kahlschlag«), pauschalisierenden Unterstellungen (»Neoliberalismus«) sowie – mitunter recht kulturlosen – Diffamierungen (»Jakobiner« und »Kultur-Berlusconis«) verliert. Daran ist das Autorenteam des »Kulturinfarktes« (Dieter Haselbach, Arnim Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz) sicherlich nicht ganz unschuldig, wurde doch die Form der Polemik bewusst gewählt, um zu provozieren und viele Sachverhalte stark zugespitzt oder gar überdehnt darzustellen – wohingegen manche wichtige Entwicklung kaum thematisiert wurde (z. B. die laufenden Umstrukturierungen im Kulturbereich der neuen Länder). Nichtsdestotrotz ist es sehr befremdlich, dass die dringend notwendige Debatte vor dem Hintergrund der Krise und den gegebenen Problemen des deutschen Kulturbetriebs nicht sachlicher und verantwortungsbewusster geführt wird. Grundlagen und Ansatzpunkte hierfür gibt es genug; und das bereits seit einigen Jahren, ohne dass diese jedoch in der breiten (kulturellen) Öffentlichkeit – geschweige in den Feuilletons – in einem größeren Rahmen angekommen wären. Exemplarisch zu nennen sind hier vor allem die Tagungen bzw. Publikationen der Kulturpolitischen Gesellschaft zu den Themen »Kulturpublikum« und »Kulturelle Infrastruktur« oder das Buch »Der exzellente Kulturbetrieb« von Armin Klein. In vielerlei Hinsicht weist die gegenwärtige Kulturinfarkt-Debatte auch Überschneidungen zur bereits seit längerem geführten Diskussion um eine »Nachhaltige Entwicklung« und »Generationengerechtigkeit« in Kulturpolitik und Kulturmanagement auf. Ein zentraler Aspekt der Kritik der Kulturinfarkt-Autoren, die »kulturelle Flutung« durch eine ausgeprägte Angebotsorientierung, soll hier aufgegriffen und vor dem Hintergrund des Nachhaltigkeitskonzeptes betrachtet werden, handelt es sich bei der steten Wachstumsorientierung doch um eine der Problemlagen, die – so die These – besonders dringlich einer selbstkritischen Betrachtung des Kulturbetriebs bedarf.

Fetisch Wachstum?

»Krise« – Kaum ein Wort hat in den letzten Jahren mehr Konjunktur. Die Krise ist laut Duden eine »Entscheidungssituation, Wende-, Höhepunkt einer gefährlichen Entwicklung«. Es bleibt offen, ob wir uns gegenwärtig auf dem Höhepunkt einer gefährlichen Entwicklung befinden – das lässt sich erst rückblickend beurteilen. Allerdings kann ohne Zweifel festgehalten werden, dass sich unsere Umwelt rasant verändert. Ob zum Guten oder zum Schlechten, das liegt wohl jeweils in der Perspektive des Betrachters – und indes führt dies v. a. in Kulturkontexten nicht selten in eindimensionale Betrachtungsräume, die der Komplexität unserer Gegenwart mit ihren Herausforderungen nicht mehr gerecht werden. Viel zu sehr sind soziale, kulturelle, ökonomische und ökologische Fragen miteinander verwoben, sind sektoren- und spartenübergreifende Herangehensweisen gefragt, um vorhandene Kräfte bestmöglich und synergetisch einzusetzen – auch um Partikularinteressen zugunsten der Gemeinwohlorientierung zu überwinden. Denn eines dürfte klar sein: Auch wenn das Wort Krise in seiner inflationären Verwendung kritisch zu sehen ist, so kann seit der Industrialisierung keine vergleichbar hohe Kadenz an (weltweiten) finanziellen »Krisen« nachvollzogen werden (seit 1990 u. a.: Kosten der Wiedervereinigung, Internetblase und Subprime-Hypothekenkrise). Die Chancen und Risiken der Globalisierung werden zudem immer deutlicher und das nach wie vor als einziger Lösungsweg geltende Paradigma von Wohlstand durch Wachstum – zumindest in den Ländern, die von diesem profitieren – wird zunehmend in Frage gestellt. Was könnte aber an die Stelle dieses Paradigmas treten?

Es ist ein offensichtlicher Widersinn, dass gerade in den entwickelten Industrienationen, die seit Jahren de facto mit sinkenden Wachstumsraten zu kämpfen haben, eben dieses Wachstum nach wie vor das solitäre politische Mantra darstellt. So kritisierte auch jüngst die Enquete-Kommission »Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität« des Deutschen Bundestages mehr als deutlich die singuläre Ausrichtung der Bundespolitik auf das Wirtschaftswachstum. Das Bruttoinlandsprodukt würde immer noch als wesentliche Messgröße für gesellschaftliches und individuelles Wohlergehen dienen, wenngleich für die Ermittlung des Wohlstandsniveaus einer Nation vielmehr die Möglichkeiten, die sich den Bürgern für ein aktives und kreatives Schaffen böten, entscheidend wären. Gleiches gilt sicherlich auch für eine saubere und sichere Umwelt und einen sozialen gesellschaftlichen Zusammenhalt – beides Punkte, die augenscheinlich auf dem Tableau rasanter Umwerfungen mit offenem Ausgang zu finden sind, glaubt man wissenschaftlichen Studien bzw. den Annahmen von Umweltforschern und Sozialwissenschaftlern.

Wachstumskritik und Krisen sind indes keine Erfindungen unserer Zeit. Erinnert sei an die zahlreichen Krisen des vergangenen Jahrhunderts (Weltwirtschaftskrise ab 1929, Weltkriege, Ölkrisen usw.) und der kritische Umgang mit diesen durch die Transzendentalisten, die Lebensreformbewegung und spätestens seit den 1970er Jahren durch die Meadows-Studie »Die Grenzen des Wachstums«, die dann letztendlich auch die immer lauter werdenden »Nachhaltigkeitsdebatten« befördert hat. Wenngleich die Krisen genauso wellenartig wie sie kamen durch Perioden des Aufschwungs in der »Ersten Welt« bewältigt wurden, so ist eines dabei immer gleich geblieben: Ein expotenzielles Wachstumsdenken, was zunehmend an seine – im wahrsten Sinne des Wortes – natürlichen Grenzen stößt. D.h. die Komplexität der Herausforderungen und die Notwendigkeit des Handelns steigen an, im globalen, genauso wie im jeweils nationalen und lokalen Kontext.

Was hat dies nun mit dem Kulturbereich in Deutschland tun? Vieles, wie die folgende kleine Auswahl zeigt:

  • Der Kulturbereich unterliegt – wie auch die Autoren des »Kulturinfarktes« zeigen – demselben Wachstumsparadigma. So sind auf der Grundlage des ohnehin schon breiten kulturellen Erbes durch eine additive Kulturpolitik in den vergangenen Jahrzehnten etliche Kultureinrichtungen, Spielstätten und Angebotsschienen hinzugekommen, ohne dass die Nachfrage vergleichbar stark gestiegen wäre. In manchen Sparten ging die Nachfrage im Verhältnis sogar zurück. Bei den Theatern haben zum Beispiel seit der Spielzeit 1990/1991 die Anzahl der Spielstätten um 95% und die der Sitzplätze um 39% zugenommen, gleichzeitig stagnierte aber die Besucherzahl: Wurden 1990/1991 ca. 20.273.000 gezählt, waren es in der Spielzeit 2008/2009 ca. 19.338.000 Besucher.
  • Die Grenzen des Wachstums sind scheinbar erreicht, was dazu führt, dass neue Ansätze kaum Chancen auf Förderung haben, da die Töpfe bereits verteilt sind und die bestehende, insbesondere öffentliche kulturelle Infrastruktur als freiwillige Leistung zunehmend unter Druck gerät, da Tarifaufwüchse usw. häufig nicht mehr mit Steuermitteln aufgefangen werden. Damit schränkt sich der kulturelle Gestaltungsspielraum für kommende Generationen massiv ein.
  • Die – mitunter zurecht – dämonisierte »Eventisierung« der öffentlichen Kultur muss sich – als meritorisches Gut – der Frage stellen, wie nachhaltig sie ist – und zwar tatsächlich aus kultureller, sozialer, ökonomischer und ökologischer Perspektive.
  • Häufig kann man den Eindruck gewinnen, dass die »Krise« noch nicht vollumfänglich erkannt bzw. akzeptiert wird. Dadurch entsteht keine Vision der Zukunft unter anderen Voraussetzungen, sondern die Herausforderungen sollen mit Mitteln aus der Vergangenheit bewältigt werden – so z. B. mit der Forderung nach einem Staatziel Kultur oder der Infragestellung der Schuldenbremse durch den Deutschen Kulturrat.
  • Andersherum beschränkt sich Kulturpolitik nicht selten auf das bekannte »Sparen als Politikersatz« und erreicht überdies keine geschlossene Strategie für eine zukunftsfähige Kulturentwicklung.

Doch auch hier soll nicht schwarz-weiß gemalt werden: Es gibt vermehrt Einrichtungen und Politiker, die sich den benannten Herausforderungen annehmen. Diese Beispiele vergegenwärtigen: Ein Wandel ist möglich. Es stellt sich zudem die Frage, ob die genannten Anforderungen bereits einen Komplexitätsgrad erreicht haben, der kaum noch erkennen lässt, wo man anfangen und wo man aufhören kann. Gedacht sei vor dem Hintergrund eines beschränkten Leistungsvolumens an die gängigen Instrumentarien des Kulturmanagements und die Ansätze der kulturellen Bildung, die Forderung nach mehr Unternehmertum sowie Vernetzung usw. Vielleicht fehlt es für eine produktive Debatte zunächst einmal an einem Meta-Ansatz, der die Herausforderungen und möglichen Antworten konzeptionell und interdependent aufgreift?

Nachdem sich das New Public Management-Modell und seine starke Orientierung an privatwirtschaftlichen Paradigmen im öffentlichen Bereich offensichtlich vielerorts nicht durchsetzen konnte, könnte hier – neben dem Governance-Ansatz – zunehmend das Konzept der »Nachhaltigen Entwicklung« in die Diskussion kommen, das in anderen Feldern bereits sehr substantiell entwickelt und mitunter auch schon umgesetzt wird. Gewiss steht dieser Ansatz im Kulturbereich noch am Anfang und es wird noch ein weiter Weg sein, substantielle und operationalisierbare Handlungsempfehlungen zu erarbeiten. Dennoch steckt aus Sicht der Autoren ein Potenzial in der »Nachhaltigen Entwicklung«, den Anspruch nach einem Meta-Konzept zur Arbeit mit den gegenwärtigen Herausforderungen eines vom »Kulturinfarkt« bedrohten Kulturbetriebs tatsächlich zu erfüllen.

Die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit: Ausgewogen entscheiden oder bewusst Position beziehen

Ökologie, Ökonomie und Soziales – sie stellen die Dimensionen einer »Nachhaltigen Entwicklung« dar. Für jede Dimension gelten eigene Nachhaltigkeitsmaßstäbe, gemeinsam ist ihnen jedoch das übergeordnete Ziel einer inter- und intragenerationellen Gerechtigkeit (vgl. für alle drei Bereiche ausführlich die Monographie von Hauff und Kleine (2009) „Nachhaltige Entwicklung“, S. 15 ff.):

  • »Ökologische Nachhaltigkeit« meint den schonenden Umgang mit der Natur. Da das ökologische System die Grundlage jedweder menschlicher Aktivitäten darstellt, gilt es der andauernden Übernutzung, Verschmutzung und Zerstörung entgegenzuwirken.
  • »Ökonomische Nachhaltigkeit« zielt auf die Sicherung einer ausreichenden Lebensqualität. Auch hier wird darauf abgezielt, das ewig währende Wachstumsparadigma zu überkommen, indem nur so viel produziert und konsumiert wird, dass eine generationengerechte Vermögensdisposition gewährleistet werden kann.
  • Im Mittelpunkt der »sozialen Nachhaltigkeit« stehen der Erhalt des »sozialen Kapitals« und das Streben nach Chancen- und Teilhabegerechtigkeit. Bestimmend sind Normen und Werte wie Solidarität, Gemeinwohlorientierung, Toleranz und demokratische Grundfreiheiten, etwa das Recht auf Selbstverwirklichung. Damit wird ebenso Bezug genommen auf die zunehmende soziale Polarisierung innerhalb von Gesellschaften als auch auf entsprechende globale Diskrepanzen.

Zwar lässt sich eine »Nachhaltige Entwicklung« für jede der genannten Dimensionen anvisieren, darüber hinaus kann »Nachhaltigkeit« jedoch auch als integrative Zielsetzung formuliert werden. Ziel ist in diesem Fall nicht mehr eine eindimensionale, sondern eine »Nachhaltige Entwicklung«, die alle Dimensionen ins Gleichgewicht bringt. Zweifelsohne handelt es sich hierbei um einen idealtypischen Ansatz, denn in der Praxis lassen sich die verschiedenen Dimensionen nur schwerlich bzw. gar nicht miteinander vereinbaren. Zu beobachten ist ein entsprechender Konflikt beispielsweise in so manchen Hochburgen für Kulturtouristen. Zwar gilt der Kulturtourismus als »sanfte Alternative« zu weniger umweltfreundlichen Reiseformen wie dem alpinen Tourismus und sorgt dennoch vielerorts für eine erfreuliche Tourismusstatistik. Doch das Ergebnis fasst weit mehr als prozentuale Angaben zur Bettenauslastung und zu Besucherzahlen in den Kulturbetrieben. Denn auch eine »Touristifizierung« der betreffenden Orte ist immer häufiger die Folge. Die Einheimischen fühlen sich dadurch in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt. Ökologischem und ökonomischem Nutzen folgen in diesem Fall soziale Konsequenzen, die in erster Linie die lokale Bevölkerung betreffen.
Trotz der schwierigen Praktikabilität einer mehrdimensionalen »Nachhaltigkeit« fordert ein solch integrativer Ansatz geradezu dazu auf, die Geschlossenheit des eigenen Systems aufzubrechen und gemeinsam mit anderen Akteuren den Orientierungsrahmen auszuloten, in dem gesellschaftliches Handeln stattfinden soll. Dies schließt nicht aus, dass anstelle einer ausgewogenen Entscheidung nicht auch bewusst Position bezogen werden kann. Allerdings verlangt das Leitbild »Nachhaltigkeit« von den betroffenen Akteuren dies reflektiert und wohl begründet zu tun.

»Nachhaltige Entwicklung« und Kultur – Worüber sprechen wir?

»Nachhaltigkeit« lässt sich nicht verordnen. Es geht um die Änderung eingefahrener Wertemuster und Verhaltensweisen, womit der Wunsch nach einer nachhaltigen Zukunft auch zu einer kulturellen Herausforderung wird. Wie aber das abstrakt anmutende Thema »Nachhaltigkeit« so übersetzen und kommunizieren, dass es in die Gesellschaft und im Speziellen in den Kulturbereich hinein transportiert und dort verankert werden kann? Befördert von der Kulturpolitischen Gesellschaft begann in der deutschen Kulturpolitik dazu um die Jahrtausendwende eine Diskussion über die Rolle von Kunst und Kultur als entsprechende Impulsgeber. Gleichzeitig wurden die Grundzüge einer ökologisch orientierten Kulturpolitik verhandelt und es wurde für eine kulturelle Dimension als querliegende, vierte Säule der »Nachhaltigkeit« plädiert. Die Sammelbände von Jermann (2001) (»ZukunftsFormen«) sowie Kurt und Wagner (2002) (»Kultur – Kunst – Nachhaltigkeit«) dokumentieren diese aufkeimende Auseinandersetzung. »Im Tutzinger Manifest für die Stärkung der kulturell-ästhetischen Dimension nachhaltiger Entwicklung« (2001) heißt es dazu: »Das Konzept ›Nachhaltige Entwicklung‹ kann und muss in der Weise vertieft und weiterentwickelt werden, dass es gleichberechtigt mit Ökonomie, Ökologie und Sozialem auch Kultur als quer liegende Dimension umfasst. Es geht darum, die auf Vielfalt, Offenheit und wechselseitigem Austausch basierende Gestaltung der Dimensionen Ökonomie, Ökologie und Soziales als kulturell-ästhetische Ausformung von Nachhaltigkeit zu verstehen und zu verwirklichen«. Seitdem sind weitere Werke zum Thema erschienen wie die Anthologie »Kulturelle Nachhaltigkeit« von Krainer und Trattnigg (2007) oder »Wechselspiele: Kultur und Nachhaltigkeit« von Parodi, Banse und Schaffner (2010), auf die an dieser Stelle weiterführend verwiesen sei und die eine erschöpfende Darstellung im Kontext Kulturmanagement und Kulturpolitik an dieser Stelle unnötig erscheinen lassen.

Überraschenderweise lange Zeit unberücksichtigt blieb jedoch die zentrale Frage, ob der Ansatz einer »Nachhaltigen Entwicklung« möglicherweise einen visionär-konzeptionellen Rahmen für die laufenden und anstehenden Veränderungen im Kulturbetrieb selbst bietet. Aus dieser grundsätzlichen Fragestellung ergeben sich eine ganze Reihe weiterführender Fragen, von denen hier nur eine Auswahl genannt werden soll:

  • Kann mittels eines Meta-Konzeptes »Nachhaltige Entwicklung« die Diskussion um die kulturelle Infrastruktur konstruktiv versachlicht werden? Die virulenten Auseinandersetzungen im Rahmen des »Kulturinfarktes« verdeutlichen zuweilen die nahezu lähmende Unfähigkeit vieler Protagonisten einen produktiven Diskurs über die Zukunft öffentlicher Kultur zu führen.
  • Welchen Beitrag kann eine »Nachhaltige Entwicklung« hier insbesondere als Leitbild für eine zeitgemäße Entwicklung des Kulturbereichs leisten – inhaltlich, konzeptionell und strukturell?
  • Welche Fragen stehen diesbezüglich im Raum und welche Ansätze sind denkbar?
  • Wie lassen sich Kriterien der »Nachhaltigen Entwicklung« auf den Kulturbereich übertragen?
  • Welchen Beitrag kann der Kulturbereich beziehungsweise die Kunst und Kultur selbst zu einer nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklung leisten?

Dass es dabei zunächst um eine Bestandsaufnahme gehen muss, bevor es zu den – wie z. B. im Rahmen der Diskussionen um den »Kulturinfarkt« – notorisch eingeforderten Handlungsempfehlungen kommen kann, liegt auf der Hand. Und auch die Reihenfolge der Fragen ist keinesfalls zufällig, sondern bewusst gewählt. Denn ehe eine möglicherweise vierte und kulturelle Dimension in der Nachhaltigkeits-Diskussion vertiefend behandelt wird, sollte, aus kulturbetrieblicher Perspektive, ein selbstkritischer Blick auf das eigene Tun vorausgehen.

Ausblick

Zu Beginn dieses Beitrags wurde aufgezeigt, inwiefern der deutsche Kulturbetrieb selbst bislang kaum sein eigenes Wachstumsparadigma problematisiert – ein Befund, auf den auch die Autoren des »Kulturinfarktes« mit Nachdruck hinweisen. Es dürfte aber offensichtlich sein, dass weder eine Halbierung der Kulturinstitutionen zur Umverteilung der Mittel noch kurzfristige Notfallpläne oder schlichtes Ignorieren aus den aktuellen Problemlagen herausführen werden, die dieses Wachstumsparadigma mit sich bringt. Notwendig sind vielmehr aufrichtige Diskussionen über und Auseinandersetzungen mit den hier eingangs skizzierten Fragen, bei denen zum einen Partikular- und Verbandsinteressen überwunden, zum anderen aber vor allem auf der Basis fundierter und umfassender Analysen strategische Perspektiven entworfen und ernsthaft geprüft werden müssen, die über die nächste Legislaturperiode hinaus gehen. Diese sind bestenfalls mittels des hier vorgestellten Konzeptes sowie der gegenwärtigen großen Diskussionslinien in der Kulturpolitik und des Kulturmanagements (u.a. Stärkung Kooperationen, Kulturelle Bildung und Kulturtourismus) auf der »Mikro-Ebene« zu führen, um die Vor-Ort-Bedingungen möglichst präzise erfassen und bearbeiten zu können. Einfache Antworten sind dabei ebenso wenig zu erwarten wie schnelle Lösungen. Nichtsdestotrotz sollte der Versuch unternommen werden, die Herausforderung anzunehmen, wenn man Kulturpolitik auch als Gesellschaftspolitik für künftige Generationen versteht. Die Strategieprozesse und Kulturentwicklungsplanungen, die gegenwärtig in zahlreichen Städten, Gemeinden, Kreisen, Regionen sowie Bundesländern stattfinden und sich spezifisch in jeweiligen Kontexten mit der zeitgemäßen Entwicklung von kultureller Infrastruktur befassen, legen Zeugnis davon ab, dass dieser Prozess bereits Fahrt aufnimmt – das stimmt sehr hoffnungsvoll für den infarktgefährdeten Patienten.

Angaben zu Autoren:

Dr. Patrick S. Föhl
Leiter der Forschungsgruppe »Regional Governance im Kulturbereich« an der FH Potsdam und des Netzwerkes für Kulturberatung, Berlin, vielfältige Tätigkeiten und Beratungen im Kulturbereich sowie als Autor und Dozent im In- und Ausland.

Dr. Patrick Glogner-Pilz
Akademischer Oberrat und stellvertretender Leiter der Abteilung Kultur- und Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, regelmäßiger Gastdozent für Kulturmanagement an Universitäten und Hochschulen im In- und Ausland.

Yvonne Pröbstle M.A. 

Akademische Mitarbeiterin am Institut für Kulturmanagement der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und freiberufliche Kulturmanagerin.

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