Beschweigen oder Diskutieren

Zur Aufregung über den »Kulturinfarkt«

 Von Wolfgang Hippe

Seit Anfang März beschäftigen sich das deutschsprachige Feuilleton und die Kulturszene mit angemessen hohem Blutdruck mit dem Thema »Kulturinfarkt«. Es ist schon sehr lange her, dass einer Diskussion um Kulturpolitik eine vergleichbar große Aufmerksamkeit zuteil wurde. Doch trotz des beträchtlichen Getöses möchte man sich auf das Thema so öffentlich eigentlich nicht einlassen. »Kennen wir schon« schallt es aus dem Blätterwald, nichts Neues und dann auch noch dieser schlechte Stil! Am besten hilft nach der ersten Aufregung eine Politik des aktiven Beschweigens, darauf würden sich viele der Empörten am liebsten sofort einigen.

1.

Monika Grütters (MdB, CDU), Vorsitzende des Kulturausschusses des Deutschen Bundestages, begründete in einem ersten Statement die erste allgemeine Aufregung mit der vermeintlich schwachen Position der Fachpolitik: »Wir Kulturpolitiker, die den mit Abstand kleinsten Etat verwalten, müssen uns manchmal am lautesten verteidigen.« Persönlich betroffen zeigte sich Michael Naumann (SPD): »Ich war mal Kulturstaatsminister und zuständig für fast zwei Milliarden D-Mark und die Autoren dieses Buches behaupten nun, in Wirklichkeit sei ein nicht unbeträchtlicher Teil dieser Gelder fehlgeleitet.« Der zuständige Berliner Staatssekretär, der u.a. für Stundenlöhne von 5,50 Euro für Kulturarbeiter verantwortlich zeichnet, sieht »weitgehend unbekannte Professoren und Kulturbetriebsarbeiter« am Werk, die »aus dem Busch« kommen, um einen »Sprengsatz an das Fundament deutscher Kulturförderung zu legen«. Zu unserer Beruhigung versichert er sodann: »Ihre Ladung qualmte nur, zündete aber nicht«, und »Kunst bleibt ein krisenfester (!) Resonanzraum für die Probleme unserer Zeit. Deshalb ist ein Mehr an Kultur gerade in Krisenzeiten (!) ein gesellschaftlich nützliches Konjunkturpaket (!).«

Ansonsten meldeten sich die üblichen Kulturlobbyisten zu Wort, vom Feuilletonredakteur über den Verbandsfunktionär bis hin zum irgendwie grundsätzlich kompetenten Intendanten. Die Statements sind zum Teil mit heftigen Beschimpfungen der »Infarkt«-Autoren durchsetzt und beklagen fast durchgängig deren »hundsmiserablen Stil«. Vokabeln wie hirnrissig, unausgegoren oder bescheuert fallen, vor allem wendet man sich immer wieder gegen die »totale Ökonomisierung des Kulturmarktes« (sic). Auf den vermeintlichen »Neoliberalismus« des Buches kommen wir noch. Besonders übel wird den Autoren genommen, dass sie wenigstens teilweise im öffentlichen Dienst beschäftigt sind und wie »Maden im Speck als selbsternannte Kulturmanager« von den Einrichtungen gelebt hätten – so ein Zitat – deren Abschaffung sie jetzt predigten. Das lässt tief blicken: Offensichtlich haben einige Kritiker den schönen Satz »wes Brot ich ess‘, dess‘ Lied ich sing« als kulturpolitisches Leitbild verinnerlicht.

2.

In der Tat ist das Buch nur schwer lesbar, der Verlag mochte sich offensichtlich kein gründliches Lektorat leisten – das hätte auch den einen oder anderen sachlichen Fehler korrigieren können (und müssen). Doch die im Buch vorhandenen und zu Recht beklagten verschraubten Formulierungen finden sich auch bei den Kritikern. Wie bitte ist der Satz zu verstehen: »Eine Kultur ist nicht eine Ausstattung, die eine Gesellschaft sich leistet, sondern sie ist eine Vorleistung, die allen zu Gute kommt.« Oder »Kultur ist elementare Basis von Demokratie als politischer Lebensform der Freiheit.« Was waren das für Zeiten, als Kultur noch »Schwarzbrot« oder »Hefe« und auf gar keinen Fall »Sahnehäubchen« war? Überhaupt sind Vergleiche und Metaphern im kulturpolitischen Diskurs eher Glückssache. Zum Beispiel der Hinweis auf den Profi-Fußball. Monika Grütters erklärte wieder einmal, die knapp 7.000 deutschen Museen könnten mehr Besucher vorweisen als die 18 Bundesliga-Arenen. In den Augen von Rolf Bolwin, dem Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins, ist der Vorschlag, einen Teil der Stadttheater zuzumachen, in gleicher Weise zu bewerten wie der, »den FC Schalke 04 aufzulösen, um mit dem ersparten Geld Borussia Dortmund zu finanzieren«. Dass die Fußball-Klubs im gleichem Umfang von staatlicher Förderung leben sollen wie städtische Theater, ist eine ganz neue Entdeckung. Gradliniger geht der Deutsche Kulturrat mit der gezielt verbreiteten Unwahrheit vor, im »Kulturinfarkt« werde die Halbierung der Kulturetats verlangt. Erwähnt werden muss der Vollständigkeit halber noch der krude Vergleich des »Kulturinfarkts« mit den Sarrazin-Machwerken. Trotz intensiver Lektüre ließ sich bei Haselbach&Co keine Stelle nachweisen, die den Status eines Bildungsbürgers durch genetische Disposition erklärt. Auch ganz ohne erbbiologisches Argument befand übrigens die »Zeit«, es sei völlig in Ordnung, dass nur 5-Prozent die Angebote der Hochkultur mehrfach und regelmäßig nutzen. Was ist schlimm an diesen elitären Zuständen? fragte das Blatt. Auch beim Konsum muss sich Elite zeigen.

3.

Unter den vielen Kulturexperten, die das Buch kritisieren, scheint sich auch noch nicht herum gesprochen zu haben, dass Kulturangebote zwar »freiwillige« Leistungen sind, die aber u.a. vom Bundesverfassungsgericht als »pflichtige Selbstverwaltungsaufgaben« eingestuft werden. Danach sind Kunst und Kultur zu schützen und zu fördern, über das wie entscheidet im föderalen Staatsaufbau dann die jeweils verantwortliche Ebene selbst. Ebenso unbekannt scheint zu sein, dass auch nicht alle sozialpolitischen Leistungen verpflichtend sind, sondern viele freiwillig erbracht werden (oder eben nicht) – zum Beispiel der Betrieb eines Frauenhauses oder Gesundheitsberatung für Migrantinnen. Und was – bitte schön – bedeutet es, wenn auch von Kulturpolitikern zunehmend beklagt wird, in deutschen Kommunen herrschten »griechische Verhältnisse« und deshalb müsse Berlin helfen? Wenn man den Lösungen der höchsten deutschen Politik für Griechenland folgt, liegt die Lösung auf der Hand: Oper, Museum und Kindergärten zu.

Womit wir beim Neoliberalismus wären. Wenn sich eine Stadt mit schrumpfender Bevölkerung eine aufwendige Oper als Standortfaktor leistet und dann ein rund 40 Millionen teures Fußballstadion für einen viertklassigen Verein baut, gleichzeitig aber die höchsten Kindergartengebühren in der Region erhebt und aus Kostengründen Kinderspielplätze schließt – ist das neoliberal? Oder wenn ein Opernintendant sich weigert, auf drei Inszenierungen zu verzichten, um den vorgegeben Kostenrahmen einzuhalten, und zugleich damit droht, als erstes die Kinderoper zu schließen? Wobei die Stadt ankündigt, den Etat der freien Gruppen notfalls zugunsten der Oper um eine Million zu kürzen. Dabei entspricht der freie Fördertopf ohnehin kaum einem Prozent des Etats der Städtischen Bühnen. Ist die Qualität eines Stadttheaters wirklich 100-mal besser als die der freien Gruppen? Sie erreichten in der Vergangenheit trotz ihrer geringen Ausstattung regelmäßig mehr Besucher als die städtische Einrichtung. Sind sie nicht an der vielbeschworenen angeblichen lokalen/regionalen Identitätsstiftung durch das Theater beteiligt, um eine dieser schönen kulturpolitischen Floskeln aufzunehmen, die permanent durch die Feuilletons geistern? Ist die Schaffung einer »Identitätsschaffungsbeteiligungsquote« nicht ein schönes Gedankenexperiment? Schließlich: wer brachte die Politik auf die Idee, den freien Theateretat zu kürzen? Waren das neoliberale Geister oder gar die gut aufgestellte Opernlobby?

4.

Wie ein roter Faden zieht sich durch nahezu alle Statements: der »Kulturinfarkt« bringt keine neuen Argumente, kennen wir schon alles, diskutieren wir schon lange, wir suchen schon lange und permanent nach Lösungen. »Niemand wird bestreiten, dass die Subventionsbürokratie viel zu behäbig ist und reformiert werden muss«, befand die FAZ. »Aber all das reicht – eben weil es keine neuen Erkenntnisse sind und weil kaum jemand diesen Punkten widersprechen würde – noch nicht, um ein ganzes Buch zu füllen.« Doch wenn die Erkenntnisse nicht neu und dann noch unbestritten sind, warum bewegt sich dann so wenig?

5.

Dazu im Folgenden einige Hinweise: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes stiegen die »staatlichen Kulturzuschüsse in Deutschland« von rund 2 Mrd. Euro (1975) auf rund 10 Mrd. Euro (2010). Trotzdem werden die Kulturenthusiasten nicht müde, den drohenden Bankrott des deutschen Kulturangebots vorherzusagen. Nur ein Beispiel:  »Die Finanz- und Wirtschaftskrise (2008) hat ihre Wirkungen auch bei der öffentlichen kulturellen Daseinsvorsorge gezeigt. Viele kulturelle Strukturen und Einrichtungen in Deutschland wurden abgebaut oder stehen kurz vor der Schließung.« – schrieb etwa Joy Richard Fatoyimbo in der offiziösen »Aus Politik und Zeitgeschehen« im Februar 2011. Empirisch unterlegt wurde diese Aussage nicht.

Zwar liegen Daten zur Kulturfinanzentwicklung vor, sie passen nur nicht recht zur pauschalen Klage. Eine repräsentative Umfrage zur »Situation der kommunalen Kulturfinanzierung« der Kulturpolitischen Gesellschaft und des Deutschen Städtetages vom September 2010 kam zu dem Ergebnis, dass von einem »Kahlschlag« keine Rede sein kann. Vielmehr zeigt sich ein differenziertes Bild. Teilweise blieben die Kulturetats gleich, teilweise stiegen sie sogar, anderswo gab es Kürzungen und Krisen. Die Trends spiegeln die tatsächliche gesellschaftliche Entwicklung und die regionale Wirtschaftskraft wider, Städte sind gegenüber dem flachen Land in Sachen Kultur im Vorteil. Neuere Daten belegen, dass in einzelnen Bundesländern die kommunalen Kulturausgaben zwischen 2007 und 2009 sogar deutlich gestiegen sind. Im September 2009 veröffentlichte die »Zeit« unter der Überschrift »Geld für Kultur« eine Übersicht der Summen, die von den einzelnen Städten pro Kopf der Einwohner ausgegeben werden. Auch hier ein differenziertes Bild: danach gibt Essen (107,4 Euro) mehr aus als Köln (94,8), Bremen (147,1) mehr als München (85,3), Leipzig (182,4) mehr als Hamburg (144,6) und Berlin (146,9). Kommentar des Blattes: wie viel für die Kultur jeweils vor Ort ausgegeben wird, hat weniger mit dem politischen Willen, sondern mehr mit der Tradition zu tun: »Die Städte haben entweder eine Oper, die sie finanzieren müssen – oder sie haben sie nicht.«

Dabei ist sehr fraglich, ob der starre Blick auf die Finanzen allein tatsächlich einen Blick nach vorn eröffnet. Schon vor einiger Zeit hat Norbert Sievers, Geschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft, notiert: »Die Krise, die wir derzeit erleben, wie übrigens 1983, 1993 und 2003 auch, ist nicht nur eine finanzielle, die sich durch ein ›Mehr‹ an Geld beheben ließe. Es ist vielmehr eine Krise der Kulturpolitik, die gesellschaftliche Entwicklungen zu wenig zur Kenntnis nimmt und sich von ihrer Wachstumslogik nicht befreien kann. Sie hat sich zwar durchaus als modernisierungs- und gestaltungsfähig erwiesen, wo es darum ging, das Angebot zu diversifizieren und neuen Interessenlagen anzupassen, aber ihr Denken und ihr Selbstverständnis ist noch sehr stark dem wohlfahrtsstaatlichen Modell der letzten Jahrzehnte und einem ungebrochenen Vertrauen in die Wachstumskraft der Wirtschaft verhaftet. Sie will partout nicht zur Kenntnis nehmen, dass auch Deutschland ein hoch verschuldetes Land ist, in dem auch mit jedem neu investierten Kultur-Euro ein Wechsel auf die Zukunft ausgestellt wird, der von den nachfolgenden Generationen wohlmöglich nicht mehr eingelöst werden kann.«

Seit einigen Jahren nimmt in Deutschland die Bevölkerung ab. Wir werden weniger, älter und bunter. Das hat erhebliche Konsequenzen für die Infrastruktur insgesamt, zumal diese Entwicklung nicht gleichmäßig, sondern regional unterschiedlich verlaufen wird. Neben Ballungszentren wird es bevölkerungsarme Regionen geben. Der sog. Altenquotient wird sich absehbar verdoppeln, das Verhältnis der Generationen zueinander wird sich drastisch verschieben. Zugleich wird sich der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund erhöhen. Um 2030 herum dürften sich die Bevölkerungszahlen wieder dem Stand der 1970er Jahre angenähert haben. Was bedeutet das für die kulturelle Infrastruktur? Ist es richtig, den weitaus größten Teil der Kulturförderung auch künftig in große, immobile Institutionen zu stecken? Darüber nachzudenken – wie die Autoren des »Kulturinfarkts« anregen – ist höchste Zeit und bestimmt kein Sakrileg.

Statistisch nutzen nur 5 Prozent der Bevölkerung das staatlich und kommunal finanzierte Kulturangebot intensiv, regelmäßig kulturinteressiert ist etwa ein Fünftel. Diese Zahlen sind in den zurückliegenden Jahrzehnten weitgehend gleich geblieben. Trotz eines erheblich ausgeweiteten Kulturangebotes, trotz eines Zugewinns an Freizeit und höheren Bildungsabschlüssen vieler Menschen, trotz der Tatsache, dass eine größer gewordene gesellschaftliche Gruppe aufgrund ihrer ökonomischen Situation und ihres Alters (nach der Familienphase) mehr öffentlich finanzierte Kulturangebote nutzen könnte, hat eine Ausweitung in gleichem Maße nicht stattgefunden. Wie wird es weitergehen? Das Zeitbudget der Erwerbstätigen wird voraussichtlich weiter eingeschränkt, wenn die derzeitige Arbeitsmarktpolitik fortgesetzt wird. Der Slogan von der »Kultur für alle« wurde zu einer Zeit in Angriff genommen, als die 35-Stunden-Woche und angemessene Stundenlöhne auf dem Programm standen. Inzwischen verändert sich die Arbeitswelt fundamental. Die Verlängerung der Lebensarbeitszeit bis zur Rente mit 67 ist fest vorgesehen, die Erhöhung der wöchentlichen Erwerbsarbeitszeit bei gleichzeitiger Intensivierung ist unübersehbar.

Dazu wird sich das Kulturpublikum weiter ausdifferenzieren – die bereits in der deutschen Gesellschaft vorhandene Multikulturalität findet sich in den offiziellen Kulturinstituten kaum wieder, weder beim Programm noch beim Personal noch bei den Besuchern.

Zugleich stagnieren seit Jahren die Arbeitseinkommen der Mehrheit, die soziale Spaltung der Gesellschaft nimmt zu. Nach dem letzten Armutsbericht der Bundesregierung ist die Armutsquote zwischen 1998 und 2005 um 50 Prozent gestiegen. Nach den amtlichen Zahlen besaß die Hälfte der deutschen Haushalte 4 Prozent des bundesdeutschen Nettovermögens, die reichsten 10 Prozent kamen dagegen auf 47 Prozent. Nach anderen Rechnungen besitzt das obere Drittel der Gesellschaft Vermögen von ca. 6,6 Billionen Euro, während der Rest so gut wie gar nichts vorweisen kann.

Last not least sind die Auswirkungen der Digitalisierung und der damit verbundenen Strukturbrüche für Kulturproduktion, -vertrieb und -nutzung noch gar nicht in vollem Umfang absehbar. Hier muss sich die Kulturpolitik den Herausforderungen systematisch stellen.

Wenn sich denn Kulturpolitik noch als Gesellschaftspolitik versteht und nicht einem Mainstream-Institutionenlobbyismus betreiben will, wird sie sich diesen Fragen auch jenseits der Fachzirkel und Hinterzimmer stellen müssen. Das Buch »Kulturinfarkt« mag man gern oder weniger gern lesen – es ist ein Aufruf, sich mit dem Status Quo nicht zu arrangieren und schon deshalb ein Gewinn!

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3 Gedanken zu „Beschweigen oder Diskutieren

  1. Die heftige Diskusssion trägt doch zur Verschleierung der Tatsache bei, dass die öffentliche (kommunale) Kulturförderung nur einen MINIPROZENTUALEN Anteil an den Gesamthaushalten beträgt. Das sollte man mal auf dem Hintergrund vpn „Kulturinfarkt“ diskutieren.

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