Es werde Licht!

Bürgerliche Öffentlichkeit, Bücher, Akten und das Internet

Von Wolfgang Hippe

 »Jesus sprach es werde Licht doch Petrus fand den Schalter nicht dann endlich hat er ihn gefunden doch war elektrisch Licht noch nicht erfunden« (Kinderreim)

 Am 11. April 2011 jährte sich zum 50. Mal der Beginn des Eichmann-Prozesses in Jerusalem. Er gilt als eines der herausragenden Ereignisse bei der Aufarbeitung der NS-Verbrechen und regte Hannah Arendt zu ihren Betrachtungen über die »Banalität des Bösen« an und wird wie die vier Jahre später beginnenden Frank­furter Auschwitz-Prozesse als ein fundamentaler Einschnitt in der sogenannten deutschen Vergangenheitsbewältigung angesehen. Im Rückblick hat der Histo­riker Peter Steinbach einmal von der mit dem Prozess verbundenen öffentlichen Diskussion in Deutschland als einer »Lektion in Zeitgeschichte« gesprochen.

Erwartungen und Reaktionen der damaligen deutschen Presse auf den Eich­mann-Prozess waren allerdings gespalten. Einerseits gab es eher schüchterne An­sätze, sich der eigenen verbrecherischen Vergangenheit zu stellen. Andererseits überwog deutlich die Zurückhaltung gegenüber den damit zwangsläufig verbun­denen Enthüllungen. So wurde etwa der damalige Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier (CDU) prominent zitiert, der eine »schwere Belastung für das An­sehen Deutschlands im Ausland« befürchtete und die Gefahr einer breiten allge­meinen »Verunsicherung und Hilflosigkeit« beschwor. Weniger öffentlich sorgte sich das Auswärtige Amt, dass »belastendes Material gegen Bedienstete der Verwal­tung des Bundes und der Länder bekannt werden« könnte. Deshalb sollte der Bun­desnachrichtendienst (BND) insgeheim herausfinden, welche Personen durch Eichmann-Aussagen belastet worden seien.1 Die CIA sah die Bundesregierung zu diesem Zeitpunkt gar »am Rande der Hysterie«, doch die deutschen Realpolitiker um den damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) agierten mindestens nach außen hin eher cool. Adenauer gab auf einer Pressekonferenz einen Tag vor Prozessbeginn der Hoffnung Ausdruck, dass nun »die volle Wahrheit« ans Licht kommen (vgl. Krause 2002) und damit der Gerechtigkeit Genüge getan werde.2 Doch bis heute ist unklar, welche Rolle die deutsche Regierung und insbesondere der BND bei der Eichmann-Affäre tatsächlich gespielt haben. So soll die Bundes­regierung beispielsweise bereits 1952 über den Aufenthaltsort des NS-Schreibtisch­täters informiert gewesen sein.

Die entsprechenden BND-Akten zu Eichmann sind bis heute unter Verschluss, obwohl das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) im April 2010 ihre »vollständige Rückhaltung« durch die Bundesregierung als »rechtswidrig« eingestuft hat. Das Bundeskanzleramt könne allerdings – so das Gericht – »eine erneute Sperrerklä­rung abgeben«, um die Archivunterlagen nach den Maßgaben des BVerwG darauf zu prüfen, welche Teile tatsächlich als »geheimhaltungsbedürftig« einzustufen seien und welche Teile der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden müssen. Das Gericht bezweifelte im Übrigen, ob eine Veröffentlichung der Akten heute noch »dem Wohl des Bundes Nachteile bereiten« würde. Die schon bekannten Fak­ten der Eichmann-Affäre würden dadurch »nur um Facetten« (BVerwG 20 F 13.09) ergänzt. Ein knappes Jahr später verteidigten im Gegensatz dazu Vertreter von CDU/CSU, FDP und SPD im Deutschen Bundestag die Fortdauer der Geheimhal­tung. Man dürfe den BND nicht »ins Zwielicht rücken«, so der CDU-Vertreter; man wolle sich nicht »am BND-Bashing« beteiligen, so die oppositionelle SPD (Bundes­tag 2011). Das ist umso erstaunlicher, weil kurz darauf der BND eine Historiker­kommission berief, die seine Geschichte aufarbeiten soll – bei Publikationen hat er sich allerdings ein Vetorecht vorbehalten. (Kramer 2011)

Folgt man dem BVerWG-Urteil, schätzen Regierung wie Teile der Opposition auch 2011 sogar das Öffentlich-Machen oder Bestätigen schon bekannter Tatsachen als wenn nicht gar staatsgefährdend, so doch als gefährlich für das Gemeinwesen ein. Eine Interpretation, die bruchlos an Rechtsauffassungen aus den 1950er Jah­ren anschließen kann. »Der Glaube an die Publizität als Vehikel und Gewähr der Wahrheit, der Sauberkeit, der Richtigkeit der Ergebnisse, die in öffentlichen Aus­einandersetzungen, öffentlichem Verfahren gewonnen werden«, sei ein »allzu fremd gewordenes Motiv«, konstatierte 1955 etwa der einflussreiche Staatsrechtler Ru­dolf Smend. Er stand mit dieser Ansicht nicht allein. Mal wurde der »Glaube« an die Wirkung von Öffentlichkeit als nicht vereinbar mit »den Realitäten des sozialen Lebens« eingestuft, mal als »Ideologie« einsortiert, die keinen »Unterschied zwischen innen und außen« kenne. (Wegener 2006) Ein Argument, das sich wie­derum bruchlos in die Arkantradition des Feudalstaates einfügt. Zwar bekämpfte das aufstrebende Bürgertum zunächst die Abschottung der herrschenden Ge­heimkabinette, aber schon früh wurde das Staatsgeheimnis als nützliches Herr­schaftsinstrument akzeptiert und – wie nicht nur das Beispiel der Eichmann-Affäre zeigt – bis heute im »bürgerlichen Staat« unbesehen als unverzichtbar verteidigt. In den Zeiten der Postdemokratie schwindet passend dazu selbst der formale Ein­fluss des Parlamentes auf Regierungsentscheidungen. Als der Bundestagspräsi­dent jüngst diese Entwicklung öffentlich kritisierte, stieß er damit im eigenen La­ger auf wenig Akzeptanz. Auch das Bundesverfassungsgericht nahm Anstoß und schränkte die Geheimpolitik des Kabinetts in mehreren Fällen etwas ein. Die Bot­schaft der politischen Klasse an das Volk in der mindestens seit 2008 bis heute an­dauernden »Finanzkrise« fasste Frank Schirrmacher pointiert zusammen: »De­mokratie ist Ramsch.« (Schirrmacher 2011)

Die aufklärerische Wirkung von Öffentlichkeit wurde freilich auch von an­derer Seite angezweifelt. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno sahen in ihr einen durch die Kulturindustrie inszenierten »Massenbetrug«, Jürgen Habermas sprach von ihrer »Refeudalisierung« in modernen Gesellschaften und suggerierte damit, es habe zwischendurch einmal so etwas wie einen offenen, öffentlichen und herrschaftsfreien Dialog in der Bürgergesellschaft gegeben. Tatsächlich wurden im System »bürgerliche Öffentlichkeit« stets wichtige gesellschaftliche Bereiche schon konzeptionell »ausgegrenzt«, etwa der »gesamte industrielle Apparat des Betriebs und die Sozialisation in der Familie«. (Negt/Kluge 1972) Angesichts der damals noch analogen Medienöffentlichkeit und der sie prägenden wirtschaftlichen Interes­sen fragten Negt und Kluge deshalb nach den Möglichkeiten und Chancen einer »Gegenöffentlichkeit«, die tatsächlich die »gesamte Gesellschaft« repräsentieren, also auch die Interessen der nicht-bürgerlichen Schichten und Klassen aufneh­men und so der »Diktatur der Bourgoisie« mindestens auf diesem Feld ein Ende bereiten sollte. (Ebd.: 14) Sie konnten sich dabei auf bereits praktizierte Versuche der damals sogenannten Alternativpresse beziehen. Diese versuchte, »unterdrückte Nachrichten« öffentlich zu machen. Das waren Informationen, die damals in den Mainstream-Medien keinen Platz fanden, aber keineswegs durchweg als »geheim« einzustufen waren. Dazu gehörten beispielsweise die Folgen der so genannten fried­lichen Nutzung der Atomenergie, Probleme der Stadtentwicklung und ökologi­sche Themen ganz allgemein – kurz alles, was die heutigen Mainstream-Medien in­zwischen unter dem diffamierenden Stichwort »Wutbürger« abhandeln.

Medienkulturen

Teil der gern verbreiteten Mythen über die Entstehung der bürgerlichen Öffent­lichkeit ist vor allem in Deutschland die Erzählung, sie sei in gelehrten Salons, im Gespräch über Kunst im Besonderen und Kultur im Allgemeinen zwischen wohl­habenden und gebildeten Menschen in interesselosem Wohlgefallen entstanden.

Die Vorstellung, bürgerliche Öffentlichkeit habe sich vor allem durch Gespräche Face-to-Face hergestellt, war schon zu diesem Zeitpunkt antiquiert. Tatsächlich war für die damaligen Talk-Runden die mediale Vermittlung vor, nach und während der mündlichen Debatte unverzichtbar. Ohne die Erfindung des Buchdrucks und die damit einher gehenden Veränderungen der Informations-, Distributions- und Kommunikationsformen hätten sich die bürgerlichen Gesprächskreise kaum eta­blieren können. Zusätzlich wird meist nicht zur Kenntnis genommen, dass die »Gutenberg-Galaxis« ein komplexes technisches und wirtschaftliches System war, das neben der kreativen und wissenschaftlichen Produktion unter anderem Metall- und Papierbearbeitung, Farbherstellung und Maschinenbau sowie neue For­men der Distribution und der Finanzierung einschloss: Der Buchdruck war sei­nerzeit Hightech und schuf ein allumfassendes »typografisches Informations­system« (Giesecke 1998). Bücher und Zeitschriften finanzierten sich neben den Verkaufserlösen bald auch über Werbung und Subskription oder moderner aus­gedrückt, über frühe Formen des Crowdfunding. Die Verbreitung der Druckwerke sorgte zudem dafür, dass zeitgleich an verschiedenen Orten die gleichen Themen auf gleicher Grundlage kommuniziert werden konnten. Das war mit einer für die damalige Welt ungewöhnlichen Beschleunigung in der Verbreitung von Informa­tion verbunden. Die Entwicklung hin zur Telegrafie setzte diesen Prozess fort.3

Zugleich machte das neue Mediensystem eine Umorganisation der Staatsgewalt notwendig. Es reichte nicht mehr, die politischen Entscheidungen in geheimen Kabinetten zu fällen. Das frei publizierte Wort verlangte nach Kontrolle, seine Zensur zwang die Staaten zu einem neuen Herrschaftsstil und einer diffizilen und ständigen Überwachung ihrer Untertanen. Mit der neuen kulturellen Produktions­weise verbanden sich aber auch Trends, die erst viel später be-und aufgegriffen wur­den. Während etwa eine Handschrift ein Original war (und ist), das (theoretisch) einem bestimmten Kopisten zugeordnet werden konnte, musste der Leser eines gedruckten Exemplars auf die »Aura« des Manuscriptum verzichten – er oder sie hielten ein technisch reproduziertes Stück in der Hand. Der Buchdruck hatte – natürlich – wesentlichen Anteil an der Durchsetzung der Kulturtechnik Lesen, wobei sich vor allem pädagogisch inspirierte Kreise um die sozialen Folgen allzu ausufernder Lektüre sorgten und Kampagnen gegen das damals neue Medium Buch und die damit verbundene »Lesewut« inszenierten. Mit der Aufklärung setzt sich das Druckwerk endgültig durch: »Die Zeitung wird zum Leitmedium der po­litischen Aufklärung.« (Coy 2000: 3) Dazu ist festzuhalten, dass die Aufklärung »nicht nur ein Bildungsprogramm, sondern auch ein Programm der Teilhabe an der politischen Macht« (ebd.) war, was in der deutschen Debatte gerne vergessen wird – hier zählt vor allem die »Kultur« und kaum die »Politik« (Bollenbeck 1994). Medienfragen sind aber stets Machtfragen – das gilt insbesondere in der der Gu­tenberg-Zeit nachfolgenden »Turing Galaxis«.4

Netzwerke

Die »Enthüllungsplattform« WikiLeaks ist (oder war?) der bisher ambitionierteste Versuch, die geheimen Verfahrensformen von Regierungen – ganz zeitgemäß – im globalen Rahmen über das Netz öffentlich zu machen (keep goverments open). Zu den von ihr publizierten Dokumenten gehören zahlreiche interne Infos nicht nur von US-Behörden. Auf der Website finden sich auch der geheime Betreiber-Vertrag zur LKW-Maut in Deutschland, der geheime Bericht zur Kundus-Affäre der Bun­deswehr und weitere Enthüllungen zum Irak-und zum Afghanistan-Krieg oder interne Papiere zur »Loveparade 2010« in Duisburg.

Angesichts der aufgeregten offiziellen wie offiziösen Reaktionen war es nur eine Frage der Zeit, bis die Betroffenen zurückschlagen würden.5 Natürlich ergrif­fen private wie staatliche Geheimdienste die Initiative, natürlich wurden Regie­rungen im politischen wie im rechtlichen Rahmen aktiv. Das alles hatte Folgen, konnte die Aktivitäten der investigativen Enthüller aber nicht wirklich bremsen. Der bisher erfolgreichste Versuch, WikiLeaks zum Schweigen zu bringen, bediente sich schließlich eines einfachen Tricks. Man sorgte dafür, dass dem Netzwerk fak­tisch die Konten gesperrt wurden. US-amerikanische Finanzinstitute wie die Bank of America, Paypal, Visa und Mastercard leiteten keine Spenden mehr weiter – eine Einflussnahme der US-Regierung wurde selbstverständlich dementiert. Immerhin wurde ein internes Papier von drei US-Sicherheitsfirmen publik, in denen unter anderem die Schwächen von WikiLeaks analysiert wurden.Dortheißt es »Weak­nesses – Financial: They are under increasing financial pressure because authori­ties are blocking their funding sources.« (Plantir Technologies 2010: 11) Dazu wird eine Kampagne gegen den WikiLeaks-Frontmann Julian Assange und die Über­wachung der Netzaktivitäten von Angestellten empfohlen: »Use social media to pro­file and identify risky behavior of employees.« (Ebd.: 14) Auftraggeber der Expertise war eine Rechtsanwaltskanzlei, die der Bank of America eng verbunden ist. Damit ist ein Muster vorgegeben, das auch zur Bearbeitung weiterer »Vorfälle« tauglich ist.

In seinen Anfängen wurde das Internet gerne als eine neue Form von Öffent­lichkeit beschrieben, in der all das möglich werden sollte, was einst einer idealen bürgerlichen Öffentlichkeit zugeschrieben worden war: freie Rede und freier Zu­gang für alle, keine Zensur, kein Kommerz und alles weltweit und in Echtzeit. In­zwischen kann man mindestens feststellen, dass die Situation komplizierter ist, sowohl was die politischen, vor allem aber was die wirtschaftlichen Rahmenbe­dingungen betrifft. Ist schon bei den traditionellen Massenmedien ein hoher Konzentrationsgrad festzustellen, wird der im Internet in wesentlichen Sektoren noch einmal getoppt. Das Netz wird von einer Handvoll Konzerne dominiert. Face­book, Google & Co. bestimmen wesentlich, wie und wo kommuniziert wird. Sie sind dabei primär weder soziale Netzwerke oder Suchmaschinen, sondern vor allem Werbeagenturen, die mit den Daten ihrer Kunden handeln. Die entsprechenden Geschäftsmodelle der analogen Welt sind weiterentwickelt und den technischen Gegebenheiten angepasst worden. Lebte etwa der analoge Versandhandel zunächst von einer eher zufälligen Adress-Sammlung, wurden die Kundeninformationen zunehmend diversifiziert und nach bestimmten Kriterien sortiert. Das alles geht digital viel leichter, viel schneller und wesentlich detaillierter. Facebook scheint hier über das derzeit ausgefeilteste Geschäftsmodell zu verfügen und sieht aus eigener Sicht derzeit erst ein Prozent seiner Möglichkeiten ausgeschöpft. Die Company er­fasst nicht nur die Daten ihrer Nutzer, sondern erstellt daraus Soziogramme und nutzt dazu auch Gesichtserkennungsprogramme, wie sie sonst nur Sicherheits­dienste verwenden – alles zum Ziel der besseren Vermarktung. Angesichts der Vielfalt der Angebote und der unüberschaubaren Informationsströme, gilt es, den Einzelnen gezielt ansprechen zu können. Doch seine Aufmerksamkeit wird man nur erhaschen können, wenn man schon vorher mehr über den Kunden weiß, als der ahnt. »Es geht unmittelbar um Aufmerksamkeit, direkt aber ums Geld. Die Aufmerksamkeit ist einerseits zum wichtigsten Faktor der Geldwert schöpfenden Produktion geworden. Diese Produktion hat andererseits ein Aktivitätsniveau erreicht, auf dem im Verkauf nichts mehr ohne die Umwerbung der kaufentschei­denden Aufmerksamkeit geht. Die materielle und die immaterielle Überproduk­tion heizen einander wechselseitig an«, notierte Georg Franck schon vor einem Jahrzehnt. (1998: 64) Die Ökonomien des Geldes und der Aufmerksamkeit mischen sich ebenso wie Werbung und Überwachung und geraten gemeinsam zunehmend aus den Fugen. »Krise« wird zum Dauerzustand des Systems, der computergene­rierte Börsenhandel zum Leitmodell.

Die Vorstellung, online wie offline müsse noch so etwas existieren wie Privat­sphäre, erscheint angesichts dieser (kapitalistischen) Produktionsweise als ana­chronistisch. Im Unterschied zu analogen Zeiten scheinen allerdings die digitalen Medien mehr Möglichkeiten zur Gegenwehr von unten zu bieten. In Fällen wie WikiLeaks setzt das allerdings voraus, dass dem investigativen Journalismus (oder auch der Opposition) ähnliche Mittel – Technik, Know-how, Infrastruktur – zur Verfügung stehen wie den nationalen Regierungen, Geheimdiensten und interna­tionalen Konzernen – einmal ganz abgesehen von den notwendigen Finanzmitteln.

Doch auch anderswo ist immer wieder eine gewisse Aufsässigkeit zu spüren. Gegen die Sammelwut von Facebook wendet sich etwa die Initiative »Europa vs. Face­book«. Ihren Machern geht es nicht um Verweigerung. »Ich will nicht verweigern, ich will verbessern«, erklärte ihr Initiator Max Schrems in einem Interview. »Wa­rum sollen wir uns Social Media wegnehmen lassen? Ich sehe das überhaupt nicht ein.« (Schrems 2001) Es gibt zahlreiche Blogs wie irights.info oder netzpolitik.org, die praktische, alltägliche, vor allem strukturelle Fragen von Netzöffentlichkeit the­matisieren. Es gibt eine Vielzahl von Initiativen, die sich der Mittel des Netzes be­dienen, um eigene Netzwerke und damit etwas zu schaffen, was schon in analogen Zeiten als »Gegenöffentlichkeit« umschrieben wurde. Noch immer ist die Zeit reif für Verbreitung unterdrückter Nachrichten. Freilich handelt es sich bei den Akti­ven wieder (einmal) um eine kleine radikale Minderheit. Zunächst einmal ist für »die überwältigende Mehrheit der Onliner das Produzieren von User-Generated Con­tent eher uninteressant«, aber immerhin sieben Prozent der Onliner schreiben selbst Blogs oder lesen sie zumindest (Busemann/Gescheidle 2011: 360). Ob alle Blogs als Teil von politischer oder sozialer Gegenöffentlichkeit klassifiziert werden können, ist eine andere Frage. Immerhin, auch in Zeiten der medialen Überpro­duktion ist das Selbermachen nicht ausgestorben. Das ist allemal genug, damit sich eine Kulturpolitik, die sich als Gesellschaftspolitik versteht, mit diesen Gege­benheiten auseinandersetzt und neben der Kultur und Kunst immer auch das ge­sellschaftliche Machtgefüge im Auge hat und benennt. Denn schließlich betreibt sie Politik. Ein erster bescheidener Schritt hierbei wäre die Revitalisierung eines demokratischen Parlamentarismus.6

Literatur

  • Bundestag (2011): »Eichmann, der BND und die Organisation Gehlen. Eine Aktuelle Stunde auf Verlangen der Linksfraktion am Mittwoch, 19. Januar 2011«, verfübar unter: http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2011/ 33117142_kw03_ak_eichmann/index.html (aufgrerufen am: 9.11.2011)
  • Bollenbeck, Georg (1994): Bildung und Kultur. Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters, Frankfurt: Insel Verlag
  • Bundes-Verwaltungs-Gerichtsurteil 20 F 13.09
  • Busemann, Kathrin/Gescheidle, Christoph (2011): »Web 2.0: Aktive Mitwirkung bleibt auf niedrigem Niveau. Ergebnisse der ARD/ZDF-Online Studie 2011«, in: MediaPerspektiven , Heft 7-8/ 2011, S. 360 ff.
  • Coy, Wolfgang (2000): Digitale Kultur – Von alten und von neuen Medien, Ulm (Ms.)
  • Franck, Georg (1998): Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf, München/Wiens: Carl Hanser Verlag
  • Friedrich, Jörg (2007): Die kalte Amnestie. NS-Täter in der Bundesrepublik, Berlin: List Verlag
  • Giesecke, Michael (1998): Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durch setzung neuer Informations-und Kommunikationstechnologien, Frankfurt am Main: Suhrkamp
  • Kramer, Wolfgang (2011): »Vorbei die Geheimniskrämerei«, Beitrag lief in: »Frontal 21«, ZDF, am 5.4.2011 (verfügbar unter: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1292174/Die-unbekannte-Geschichte-einer-Behoerde#/beitrag/video/1292174/Die-unbekannte-Geschichte-einer-Behoerde)
  • Krause, Peter (2002): Der Eichmann-Prozess in der deutschen Presse, Frankfurt am Main: Campus Verlag
  • Negt, Oskar/Kluge, Alexander (1972): Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag
  • Plantir Technologies/HBGary Federal/Berico Technologies (Hrsg.) (2010): The WikiLeaks Threat (verfügbar unter: http://www.wikileaks.de/ IMG/pdf/WikiLeaks_Response_v6.pdf) (aufgrerufen am: 9.11.2011)
  • Schrems, Max (2011): »Interview mit Facebook- Ankläger: ›Facebook vergißt nichts‹, verfügbar unter http://www.einslive.de/magazin/extras/2011/09/28/110928_IV_max_schrems.jsp (aufgerufen am 11.11.2011)
  • Schirrmacher, Frank (2011): »Demokratie ist Ramsch«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 2.11.2011
  • Wegener, Bernhard W. (2006): Der geheime Staat. Arkantradition und Informationsfreiheitsrecht, Göttingen: Morango Verlag

Anmerkungen

  1. Der BND ging 1956 aus der Organisation Gehlen hervor. Nach CIA-Erkenntnissen waren ein gutes Viertel ihrer Mitarbeiter ehemalige NSDAP-Mitglieder, darunter SS-, SD-und Gestapo-Offiziere, die mit neuen Identitäten versehen worden waren. Für den BND war unter anderem auch Walther Rauff tätig, der am Mord von mindestens 250 000 Juden beteiligt war. Eine gesetzliche Grundlage erhielt der BND erst 1990.
  2. Tatsächlich tat man alles, um in der Bundesrepublik NS-Verbrecher nicht zur Rechenschaft ziehen zu müssen. Jörg Friedrich spricht in diesem Zusammenhang von einer »kalten Amnestie« (Friedrich 1984/2007).
  3. Romane des 19. Jahrhunderts beschäftigen sich immer wieder mit der Geschwindigkeit der Informationsvermittlung durch die damals neuen Techniken und den Möglichkeiten ihrer Manipulation – so etwa Alexandre Dumas’ »Der Graf von Monte Christo« oder Guy de Maupassants »Bel Ami«.
  4. Der britische Mathematiker Alan M. Turing formulierte die wesentlichen theoretischen Grundlagen der heutigen Informations- und Kommunikationstechnologie.
  5. Solange WikiLeaks Geheimnisse des chinesischen Staates enthüllte, applaudierte die politische Klasse der westlichen Welt dankbar.
  6. Allen Interessierten seien dazu in Zeiten des Internets zwei Links empfohlen: http://www.youtube.com/ watch?v=h_hnY3KHpa0&feature=player_embedded und http://www.youtube.com/watch?feature=player_ embedded&v=6m0kFgf3m9Q
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