Schaum und Wirklichkeit

Gegen die selbstverschuldete Marginalisierung der Kulturanalyse. Eine Warnung

Von Michael Wimmer

In seinem Beitrag »Strukturwandel der Öffentlichkeit 2.0 – Kunst und Publikum im digitalen Zeitalter« (in: Kulturpolitische Mitteilungen, Heft 134 III/2011, S. 36–43) erzählt uns der Kultursoziologe Gerhard Schulze eine Geschichte von der schleichenden Marginalisierung des Kulturbetriebs. Sein Referenzmedium, die Kunst, lange Zeit erste Quelle bürgerlichen Selbstbewusstseins, habe als »höchstes Gut« ausgedient und so seinen Anspruch auf die »kulturelle Mitte« aufgegeben. Stattdessen existiere sein Angebot »neben allem und jedem ohne Bezug zueinander in einem gestaltlosen Haufen«, dem die Kunst ebenso angehöre wie ein x-beliebiger Sportverein.

Zur Untermauerung seiner These zur neuen kulturellen Beliebigkeit bemüht Schulze Peter Sloderdijks Metapher einer Öffentlichkeit als Schaumgebirge, bestehend aus zahllosen kleinen Bläschen ohne kulturelles Zentrum, in dem wahllos ein paar versprengte Kunstbläschen darauf warten, zu zerplatzen.

Mit wenigen Strichen wird hier ein Trend angedeutet, der darauf hinausläuft, die auf sozialer Differenzierung beruhende Trennung von Hochkultur und Massenkultur zugunsten eines scheinbar beliebigen Nebeneinanders unterschiedlichster kultureller Ausdrucksformen für obsolet zu erklären. In dieser Vorstellung von umfassender kultureller Pluralisierung gibt es keinerlei wertende Hierarchisierung mehr, stattdessen organisiere sich das kulturelle Leben chaotisch aus sich heraus scheinbar zufällig entlang unterschiedlichster Interessen, Idiosynkrasien und Obsessionen.

Fürs Erste ein mehr als erfreulicher Befund, impliziert er doch – bei Schulze unausgesprochen – die weitgehende Emanzipation aller BürgerInnen, die mit ihren kulturellen Ansprüchen in der Öffentlichkeit gleich und gleichwertig repräsentiert erscheinen und auf ganz individuelle Weise bestimmen können, was kulturell der Fall ist – und was nicht.

Bleibt die große Frage, warum dann Kulturpolitik überhaupt noch stattfindet; insbesondere eine Kulturpolitik, die bestimmte Formen des öffentlichen Kulturbetriebs durch entsprechende Umverteilung der Ressourcen nachhaltig privilegiert, andere hingegen dem freien Spiel der Marktinteressen überlässt. Es gibt ihn also noch, den (staatlichen) Willen zu den großen Blasen im Schaumgebirge von allem und jedem.

Schulze ist zuzustimmen, dass es mit dem bestehenden kulturpolitischen Instrumentarium immer weniger gut gelingt, so etwas wie eine kulturelle Mitte und damit einen Referenzpunkt kultureller Orientierung aufrecht zu erhalten. Die Hoffnung aber, es sei damit das Zeitalter umfassender kultureller Vielfalt angebrochen, könnte sich als trügerisch erweisen. Ein gewichtiges Argument gegen die Verkündigung eines vorschnellen Endes einer kritischen Kulturanalyse  hat uns Frederic Martel mit seinem Buch »Mainstream« (Flammarion 2010) vorgelegt. In seiner »enquête sur cette culture qui plaît à tout le monde« (dt.: »Wie funktioniert, was allen gefällt«, Knaus-Verlag 2011) berichtet der französische Journalist und Forscher über die höchst elaborierten Strategien der US-amerikanisch dominierten Kulturindustrie, die kulturellen Erwartungen möglichst vieler Menschen mehr denn je auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.

Erklärtes Ziel ist die Produktion kultureller Ausdrucksformen, die die gemeinsamen Erwartungen einer global community über nationale, ethnische, religiöse und sonstige Grenzen hinweg bedienen. Da haben kleine Bläschen nur wenig Chancen; stattdessen werden nur diejenigen Projekte realisiert,  die in den entscheidenden Kriterien »Alter«, »Geschlecht« und »Hautfarbe« große Zuschauerzahlen erwarten lassen. Als Ideal wird die Produktion eines »four-quadrant-films« angestrebt, der sich gleichermaßen an Männer und Frauen über und unter 25 Jahre richtet. Von rund 2.500 Filmprojekten, die entlang des Verhaltens eines potentiellen Publikums gescreent werden, schafft es nur rund ein Zehntel in die Kinos.

Nun ist Hollywood eine Industrie und ihr erstes Betriebsmittel ist es, mit ihren Produkten (von denen das Filmemachen nur mehr einen minoritären Anteil von rund 20 Prozent ausmacht, während die weitere Franchise-Kette, die vom Betrieb von studioeigenen Fernsehkanälen, Eventparks, Hotellerie und Gastronomie bis hin zu Kreuzfahrten reicht, immer mehr an Bedeutung gewinnt) Geld zu verdienen.

Man mag zu den Ergebnissen stehen wie man will: Nischenprodukte stellen sie ganz sicher nicht dar. Stattdessen bestimmen sie als globale Referenzprodukte mittlerweile nicht nur die US-amerikanischen Kultur- und Medienmärkte sondern auch die weiter Teile Lateinamerikas und Asiens. Europas kulturelle Beiträge gelten demgegenüber mittlerweile nurmehr als zweitrangig.

Auf sehr lebendige Weise führt uns Martel ein in den ungebrochenen Dominanzanspruch einer transnationalen Kulturindustrie, die übrigens nicht davor zurückscheut, politisch zu intervenieren, wenn es darum geht, ihre ökonomischen Interessen mit kulturellen Mitteln durchzusetzen. Ihr Erfolg begründet sich auf der Fähigkeit, den Erwartungen eines möglichst breit gefassten Publikums zu entsprechen. Und diese – das zeigen jedenfalls die aktuellen Hervorbringungen der Traumfabrik – schimmern nicht in allen Bläschenfarben, sondern zeugen in ihren Vorlieben von der Zurichtung auf einen Massengeschmack, der nur wenig Abweichung von als verbindlich vorgegebenen inhaltlichen und formalen Standards erlaubt.

Ja, vieles spricht dafür, dass es staatlicher Kulturpolitik immer weniger gut gelingt, ihrer bislang als zentral angesehenen Aufgabe der Verteidigung der Autonomie künstlerischer Produktion (als einer Errungenschaft europäischer Aufklärung) als einem hohen, wenn schon nicht dem höchsten Gut, nachzukommen. Schon aufgrund der aktuellen Budgetkürzungen sind immer mehr öffentliche Kultureinrichtungen gezwungen, sich offensiv um neue Einnahmequellen und so auch um neue Publikumsgruppen mit ihren Erwartungen zu bemühen. Allerorten werden Audience-Development-Programme entworfen und umgesetzt, die über kurz oder lang – dem US-amerikanischen Beispiel folgend – Auswirkungen auch auf die unmittelbare Programmgestaltung haben werden – in der Hoffnung, damit das Publikum bei der Stange zu halten.

Es ist abzusehen, dass diese Entwicklung den Trend in Richtung »Mainstreaming« der Programme europäischer Kultureinrichtungen eher befördern wird. Daran wird auch die Innovation der digitalen Medien, die im Moment als großer Hoffnungsträger kultureller Diversität herhalten muss, nichts ändern, wenn die aktuelle chaotische Zwischenphase erst einmal ihren Weg durch die »große Transformation« (Polyani) umfassender Ökonomisierung gefunden haben wird.

Schulze suggeriert das Ende der Hegemonie des bürgerlichen Kulturbetriebs, die bislang mit staatlichen Mitteln aufrechterhalten wurde. Was er nicht sagt ist, dass an seine Stelle nicht die Beliebigkeit, sondern ein anderer Hegemon getreten ist, der in seiner Wirksamkeit staatlichen Interventionsformen in nichts nachsteht. Dieser zählt dabei auf die Akzeptanz eines präformierten Massengeschmacks und bedarf keiner bürgerlichen Öffentlichkeit mehr. Es genügt die private Kaufentscheidung auf kulturpolitisch nicht mehr beeinflussbaren Märkten.

Unausgesprochen mutiert Schulzes Kulturanalyse zu einem weiteren Puzzlestein einer Selffullfilling Prophecy über das Ende von Kulturpolitik. Das Ergebnis ist die Überführung von Öffentlichkeit in einen Marktplatz ökonomischer Interessen, auf dem Kultur zwischen Anbietern und Nachfragern getauscht wird. Dass auf diesem Markt nach wie vor nicht alle gleich sind (ein Umstand, wogegen (Kultur-)Politik einst angetreten ist), müssen wir uns als Wegweiser auf dem Marsch durchs kulturanalytische Schaumgebirge dazu denken, um vielleicht doch noch in der Wirklichkeit der aktuellen Kulturentwicklung anzukommen.

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