Beitrag zur Grundsatzprogramm-Diskussion der Kulturpolitischen Gesellschaft

Von Wolfgang Meyer-Hesemann

Die beabsichtigte Selbstvergewisserung und Neuorientierung ist angesichts der veränderten gesellschaftlichen und kulturellen Herausforderungen begrüßenswert.

Der Terminus »Neue Kulturpolitik« erscheint nach so langer Zeit und erfolgreicher Verbreitung nicht mehr wirklich passend (die »neue« ist inzwischen die alte Kulturpolitik); er bedarf einer Weiterentwicklung.

Die im Wesentlichen noch zeitgemäßen Leitbilder bzw. Zielsetzungen (Ausnahme ist das doch sehr den Debatten der 80er Jahre verhaftete Thema Tätigkeitsgesellschaft) sind teilweise neu zu akzentuieren:

  • Der Beitrag kultureller Bildung, Produktion und Rezeption für Persönlichkeitsbildung, selbstverantwortliche Lebensgestaltung, soziale und demokratische Verantwortung .
  • Kulturelle Inklusion benachteiligter Bevölkerungsgruppen angesichts der wachsenden sozialen Spaltung unserer Gesellschaft.
  • Neue Wege und Formen der Öffnung der Einrichtungen und Angebote der »traditionellen (Hoch-)Kultur« für bisher ausgeschlossene Gruppen und besonders Jüngere.
  • Inhaltliche und institutionelle Herausforderungen im Zusammenhang mit den inzwischen  alle Bereiche der Kultur symbiotisch durchdringenden Neuen Medien.
  • Neue öffentlich-gemeinnützig-private Misch- und Kooperationsformen kultureller Einrichtungen und Angebote.
  • Neugestaltung eines kulturellen Qualitätsdiskurses und kultureller Innovation.

Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik muss als Querschnittsaufgabe aller Politikfelder ernst genommen werden. Eine wirksame Kulturpolitik braucht aber gerade deshalb eine eigenständige, professionelle und handlungsfähige Vertretung auf der Ebene der Landes- und kommunalen Verwaltung (also z.B. keine umfassende Delegation zentraler Konzeptions- und Planungsaufgaben an Einrichtungen der kulturellen Selbstverwaltung und Marginalisierung der Kulturressorts bzw. -dezernate; dafür aber intensive Beteiligung der kulturellen Akteure  an politischen Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozessen).

Zielgerichtete Entwicklung kultureller Angebote tut gerade in Zeiten schrumpfender Haushalte, gravierender Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur und immer rascher wechselnder kultureller und künstlerischer Ausdrucksformen Not. Sie darf aber kein zu enges Korsett zu schnüren versuchen, sondern muss Wirksamkeit durch Einbeziehung der kulturellen Akteure im Erarbeitungsprozess und durch die Verabredung gemeinsamer Leitorientierungen entfalten, deren Umsetzung nachgehalten wird (z.B.: Was können wir in den verschiedenen Eirichtungen gemeinsam tun, um den Zugang von Migranten zur Kultur zu verbessern?). Sie ist also eher als ein gemeinsamer Kultureller Entwicklungsrahmen auszugestalten,  für verantwortungs- und planvolles kulturpolitisches und kulturelles Handeln. Das heißt vor allem auch, nicht nur die organisierten Interessen in den Blick zu nehmen, sondern zum Beispiel auch zu versuchen herauszufinden, wo Zugangsprobleme  und unbefriedigte kulturelle Bedürfnisse sind.

Fragen des zivilgesellschaftlichen oder bürgerschaftlichen Engagements (z.T. in ehrenamtlichen oder in neuen Beschäftigungsformen) und Anfragen an die kulturelle Verantwortung der Wirtschaft müssen einen höheren Stellenwert erhalten.

Der Themenbereich Globalisierung/Internationalisierung kann nicht mehr zureichend in Gegenüberstellung mit Lokalisierung/Regionalisierung oder durch den Topos »kulturelle Vielfalt« diskutiert werden.  Heute stellt sich vordringlich die Frage, ob und wie wir vor dem Hintergrund des großen vereinheitlichenden Stroms globaler Entwicklungen – jenseits einer verengten Debatte um eine »Leitkultur« – den Eigenwert und die Eigenständigkeit von kulturellen Traditionen (den Bestand von »Vielfalt« überhaupt also), mithin so etwas wie die »spezifische Kulturalität und Geschichtlichkeit«  kultureller Ausdrucksformen (und jeglicher Bildung) bewusst machen und bewusst halten, sichern und als aktive Player in universale Prozesse einbringen können.

Im Kulturbereich bedarf die Föderalismusdebatte vergleichbarer Öffnungen wie sie im Bildungsbereich diskutiert werden.

Dr. Wolfgang Meyer-Hesemann
Vorsitzender des Kulturforum Schleswig-Holstein e.V.
Achterwehr, den 9. September 2011


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