Die Krise des „Qualitätsjournalismus“

                                                   (c) Günther Richter/ pixelio

Mein erster Handgriff ging auch heute morgen wieder zu meinem Smartphone, um auf meinen facebook-, twitter-und Xing-App zu sehen, was meine Community so bewegt. Als Zweites öffnete ich gleich meinen Feed-Reader, um auf die von mir zusammengestellte Informations-Welt zuzugreifen. Ich habe mir dort aus vielen verschiedenen Zeitungen, Blogs, Portalen, Online-Angeboten der öffentlich-rechtlichen Anstalten meinen eigenen Informations-Kiosk zusammengestellt. Ich husche über die Überschriften, bleibe hier und da hängen, empfehle einige Artikel weiter und kommentiere sie ab und zu. Danach schaue ich auf den Zeitungsberg aus Papier, der endlich mal seinen Weg in den Altpapier-Container finden müsste (eigentlich ist der nicht so weit, da er direkt vor meiner Wohnung steht, aber gut!) Bei mir stapeln sich die Ausgaben der ZEIT und der WAZ, die ich eigentlich noch lesen wollte, da ich aber bereits die Online-Artikel gelesen habe, wandern sie meistens relativ jungfräulich in den großen Korb und ich ärgeren mich, dass ich immer noch dafür zahle, denn online gibt es doch alles kostenlos, oder?! Ich stehe kurz vor der Kündigung meiner Abos…..

Und dann stieß ich gerade heute auf einen Artikel bei Spiegel Online Kultur von Sebastian Borger „Kurswechsel beim „Guardian“ ‚Zeitung? Das ist doch 19. Jahrhundert’“ (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,770702,00.html) Borger verweist mit dem Titel auf eine Aussage des Chefredakteurs des „Guardian“, Alan Rusbridger „Bäume abholzen, Papier bedrucken, mitten in der Nacht die Stapel mit der neuesten Ausgabe durchs Land karren – diese Vorgehensweise der Nachrichten-Verbreitung „ist betriebswirtschaftlich überholt“.

Ich würde in seiner Argumentation noch weiter gehen, nicht nur die Produktion und Vertrieb der Zeitungen sind überholt, sondern auch das Informationsverhalten aufgrund mannigfaltiger Interessen der Leser. Gerhard Schulze beschrieb die Ausdifferenzierung und Pluralisierung der Gesellschaft in seinem Vortrag „Strukturwandel der Öffentlichkeit 2.0“ auf dem Kulturpolitischen Bundeskongress und verwies auf Sloterdijks Metapher des Schaumes, um eine seiner drei derzeitigen Entwicklungslinien zu beschreiben – nämlich die der Marginalisierung. (Die gesamte Rede von Prof. Gerhard Schulze steht online unter http://www.netz-macht-kultur.de)

„Die Öffentlichkeit ist ein Schaumgebirge, bestehend aus zahllosen kleinen Bläschen. (…) Die rasche Entstehung der virtuellen Öffentlichkeit hat diesen Prozess noch einmal enorm beschleunigt, als ob der Zeitgeist eine ganze Flasche Geschirrspülmittel in die Badewanne geschüttet und dann einen Rührstab hineingehalten hätte. Das Schaumgebirge wächst ins Riesenhafte, die einzelnen Bläschen schrumpfen in Relation dazu. So ist es kein Widerspruch, wenn man sagt, die Öffentlichkeit sei gleichzeitig größer und kleiner geworden. Vergrößert hat sich die Masse der Enklaven, verkleinert hat sich ihre gesamtgesellschaftliche Bedeutung.“

Durch die Masse der Enklaven oder in der Masse der Teilöffentlichkeiten hat der sogenannte „Qualitätsjournalismus“ in einer Demokratie zum Einen die Funktion der Informationsvermittlung, damit die Mitglieder in einer Gesellschaft sich eine eigene Meinung zu politischen Fragen bilden können und zum Anderen üben diese „Leit- oder Qualitätsmedien“ eine Kontrollfunktion gegenüber Machthabern aus. Sie sind „Wachhunde“ der Demokratie!

Die Bundeszentrale für politische Bildung sagt in ihren Informationen zur politischen Bildung weiter,
„Leit- oder Qualitätsmedien sorgen für die Sichtbarmachung und Verknüpfung von Teilöffentlichkeiten“ (…). So stellen beispielsweise national verbreitete Qualitätszeitungen wie die Frankfurter Allgemeine oder die Süddeutsche Zeitung eine andere Form von Teilöffentlichkeit her als eine Fachtzeitschrift, die sich nur an eine kleine Gruppe von Interessierten richtet.“

Kommen wir nun noch einmal zurück auf die derzeitigen Gegebenheiten der Medienkrise im Printbereich (über den TV-Bereich sollte an anderer Stelle noch einmal geredet werden):

Extreme Einbußen in der Auflage (beim Guardian waren es 31% in den letzten 5 Jahren) und Einbrüche in den Anzeigeneinnahmen. Kai-Heinrich Renner berichtete in dem Buch „Digital ist besser“, das er zusammen mit seinem Bruder Tim Renner geschrieben hat und äußerst lesenswert ist, dass sich im Zuge der „digitalen Revolution“ die meisten Anzeigenkunden ins Netz verabschieden, dort aber v.a. zu Monopolisten wie google gehen. Dieser Verlust hat dramatische Folgen, da laut den Renners nur noch Druck und Vertrieb über den Einzelverkauf und Abonnements finanziert werden. Folgen sind zahlreiche Entlassungen der Journalisten und dünnere Zeitungen. Aber kann es sich die Gesellschaft erlauben, die „Wachhunde“ der Demokratie zu verlieren? Oder tauchen in der digitalen Welt nun weitere Akteure auf, die Teilfunktionen dieser „Wachhunde“ übernehmen? Man denke nur an die Plattform Guttenplag (http://de.guttenplag.wikia.com) oder an Wikileaks (http://wikileaks.org/).

Ich denke, dass diese Plattformen und der darüber entstandene unkomplizierte Austausch gesellschaftlich und politisch interessierter Menschen eine absolute Bereicherung für die Demokratie darstellen. Es ist aber ebenso wichtig, dass diese gesammelten Informationen sortiert, eingeordnet und kommentiert werden. Deshalb muss der sogenannte „Qualitätsjournalismus“ unbedingt als unabhängige Instanz für unsere Demokratie erhalten bleiben.

Nur was tun, wenn die „Qualitätszeitungen und -magazine“, allen voran der Spiegel (schon ab 1994), ihr journalistisches Angebot kostenlos ins Netz stellen? Kann man die Online-Leserschaft davon überzeugen, zukünftig für die genutzten Inhalte zu zahlen? Neue Geschäftsmodelle müssen dringend gefunden werden! Also, hier sind kreative Ideen gefragt: von Crowdfunding-Modellen, über die Einführung einer „Presse-Flatrate“ analog zur Idee der „Kultur-Flatrate“, Ausweitung der GEZ-Gebühren oder wie die NZZ Online schreibt „Zeitungen als Gemeinwohlaufgabe – Nichtkommerzieller Journalismus als Modell der Zukunft?“ (http://www.nzz.ch/nachrichten/startseite/zeitungen_als_gemeinwohlaufgabe_1.10852314.html) und als eine Möglichkeit benennt, dass Verlage von gemeinnützigen Stiftungen getragen werden könnten. Das letztere finde ich eine äußerst charmante Idee!

Christiana Henke

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7 Gedanken zu „Die Krise des „Qualitätsjournalismus“

  1. Danke für diese Anregung, Axel. 🙂 Flattr und wp.com, das ist eigentlich nicht kompatibel, sprich, der Button lässt sich offiziell nicht einbauen. Dank Deines Kommentars habe ich heute aber mal wieder nachgesehen und festgestellt, dass es auf Flattr eine Anleitung gibt, wie man den Button einbauen kann. Sie klingt etwas kompliziert, aber wenn ich mich nicht zu dumm anstelle, werde ich das demnächst in Angriff nehmen.

  2. Ich sehe das ähnlich wie Christian. Insofern wundert es mich, dass er selbst keinen flattr-Button auf seinem Blog hat. Bei so manchem Beitrag würde ich da nämlich mal draufklicken.

  3. @T. Illing: die Wahrscheinlichkeit, für etwas zu bezahlen, was ich auch kostenlos bekommen kann, geht gegen Null. Das würde aber auch bedeuten, dass ich als Journalist entweder mehr in die Tiefe gehen oder andere Inhalte finden muss. Die Frage ist meist, ob die dafür notwendige Zeit für die Recherche auch abgegolten wird? Die meisten Zeitungen können sich das nicht mehr leisten und deshalb lesen wir meist nur noch Agenturmeldungen.

    Aber ich glaube, dass immer mehr User bereit sind, für Qualität zu zahlen. Auch im Bereich des Journalismus gibt es Ansätze, die zeigen, dass Interesse an gut recherchierten Beiträgen besteht, für die man dann auch zu zahlen bereit ist. http://spot.us ist so eine Plattform, die in meinen Augen in die richtige Richtung geht.

    Ich merke an mir selbst, dass ich im Unterschied zu früheren Zeiten immer öfter bereit bin, für Qualität zu zahlen. Während ich früher nur kostenlose Software nutzte, gebe ich heute schon einen dreistelligen Eurobetrag pro Jahr für diverse Online-Tools aus. Käme jetzt ein tolles Medienangebot auf den Markt, für das der Preis akzeptabel wäre (und der Nutzen entsprechend hoch), wäre ich jederzeit bereit, meine Kreditkarte zu zücken. 😉

  4. Gerade erst hatte ich mit einem Freund eine sehr interessante Diskussion (offline, wie retro) über dieses Thema. Allerdings ging es bei uns weniger um die „Wachhundfunktion“, sondern mehr um die Fähigkeit des „Qualitätsjournalismus“ seine Leser auch tatsächlich mit relevanten Informationen zu versorgen. Grundtenor war dabei, dass sich viele Journalisten nur noch darauf verlassen, die Meldungen der dpa mit Teilen anderer Artikel zu garnieren, ohne selbst zu recherchieren. Andererseits, so unsere Feststellung, besteht gerade in Tageszeitungen ein enormer Zeitdruck bei begrenztem Platzangebot, weshalb ein Zeitungsartikel einem intensiv recherchierten Blogartikel mit zahlreichen Querverweisen schon technisch unterlegen ist. So richtig sind wir dabei auch nicht zu einem befriedigenden Schluss gekommen, da tatsächlich abzuwägen ist zwischen „Überblicksinformation“ im Sinne kleinerer Artikel mit Grundinformationen oder tiefergehenden Reportageartikeln, die umfassend informieren und mehr bieten als dpa-Infos garniert mit Zitatblabla.

    Die Problematik neuer Finanzierungsmodelle sehe ich persönlich vor allem in der „Kostenlos-Mentalität“. Warum sollte man für etwas bezahlen, was man bei einer anderen Quelle kostenfrei bekommt. Insofern werden es Nachrichtenanbieter schwer haben, wenn sie ihre Online-Angebote auf eine kostenpflichtige Basis stellen.

  5. Toller Artikel, danke Christiana!
    Ich lese zwar viel im Netz, unter anderem auch Artikel auf den Onlineportalen von Tages- und Wochenzeitungen, aber ich bin nach wie vor ein Fan der gedruckten Zeitung, weil es dort das Überraschungsmoment gibt, das ich in meinen Feeds nicht habe.

    Allerdings muss ich zugeben, gibt es nicht mehr viele Zeitungen, für die ich bereit bin, Geld auszugeben, weil ihre Qualität in den letzten Jahren stetig nachgelassen hat. Stimmt die Qualität, nehme ich auch die mittlerweile recht hohen Kosten in Kauf.

    Qualität hat übrigens in meinen Augen nichts mit Aktualität zu tun. Was das angeht, haben die Printmedien das Rennen schon lange verloren.

    Die Idee, Zeitungen über gemeinnützige Stiftungen zu finanzieren, hat was. Das würde ihrem Anspruch, „Wachhunde“ der Demokratie zu sein, entgegenkommen.

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