Crowdfunding: ein Finanzierungsansatz für Kunst und Kultur?


© Claudia Hautumm ; Pixelio

Ob Spiegel, Handelsblatt oder TAZ, das Thema Crowdfunding ist auch in den klassischen Medien angekommen. Geld ist knapp, nicht nur im Kunst- und Kulturbereich, und so verbinden viele mit diesem Thema die Hoffnung, dass sich hier ein Weg zur Finanzierung der eigenen Vorhaben auftut. Das heißt vereinfacht gesagt: das fehlende Geld macht das Thema so interessant, was damit zu tun hat, das Bund, Länder und Kommunen einem immer stärker werdenden Spardruck ausgesetzt sind und daher nicht mehr in der Lage sind, den ständig wachsenden Bereich von Kunst und Kultur mit den nötigen finanziellen Mitteln zu versorgen.

Das war wohl auch der Grund, warum es in einem der Foren auf dem Bundeskongress um das Thema Crowdfunding ging. Aber was ist Crowdfunding jetzt eigentlich und worauf muss man dabei achten? Wer Wikipedia zu Rate zieht, erfährt dort, dass bei der „Schwarmfinanzierung“ (so die deutsche Übersetzung) die anonyme Masse der Internetnutzer als Kapitalgeber fungiert. Ähnlich formuliert es Wolfgang Gumpelmaier in seinem Artikel „Warum Crowdfunding kein schnelles Geld verspricht – Voraussetzungen für gelungenes Online-Fundraising (in: Social Media im Kulturmanagement“, S. 366):

„Abgeleitet vom Begriff Crowdsourcing bezeichnet Crowdfunding im Allgemeinen einen Prozess der Projektfinanzierung, bei dem über das Internet kleine Geldbeträge von einer (meist) anonymen Masse in kollektiver Zusammenarbeit eingesammelt werden.“

Häufig werden diese Kleinbeträge auch als Spenden bezeichnet, was aber nicht ganz korrekt ist, denn der Kapitalgeber erhält, im Gegensatz zur Spende, für seine finanzielle Unterstützung eine Gegenleistung. Das kann das zu schreibende Buch, die CD, die produziert werden soll oder auch ein Dankeschön per Video sein. Eigentlich entspricht es damit eher dem Sponsoring, wo es um den Austausch von Leistung und Gegenleistung geht.

Wie funktioniert Crowdfunding? Sie können zwar theoretisch auch auf Ihrer eigenen Website um die benötigte Summe werben. Aber meist findet Crowdfunding auf dafür eingerichteten Plattformen statt. Den ersten erfolgreichen Versuch im Kunst- und Kulturbereich unternahm im Jahr 2006 die Plattform Sellaband, auf der Musiker und/oder Bands versuchten, 50.000 Dollar für ihre CD-Produktion zu sammeln. Die Plattformbetreiber erhielten dann im Erfolgsfall eine Provision, ein Geschäftsmodell, das sich als wenig praktikabel erwiesen hat, da die Hürde mit 50.000 Dollar viel zu hoch lag und so kaum Geld in die Kasse kam. Zwar ist die Hürde heute nicht mehr so hoch, aber trotzdem wird man mit einer solchen Plattform nicht reich, in Deutschland reichen die Provisionen vermutlich noch nicht einmal dazu, die Kosten für den Betrieb der Seite zu decken. Unlautere Absichten oder den Wunsch nach dem schnellen Geld muss man daher keinem der Plattformbetreiber unterstellen, da gibt es vermutlich interessantere Möglichkeiten.

Wer ein Projekt per Crowdfunding finanzieren möchte, stellt sein Vorhaben auf einer der Plattformen (z.B. mysherpas, startnext oder inkubato) vor. Wichtig dabei ist nicht nur eine verständliche Projektbeschreibung in Textform, sondern auch ein Video, in dem die Macher entweder ihr Vorhaben erklären oder man sich anhand von Ausschnitten ein Bild machen kann, worum es in dem Projekt gehen wird. Auch Fotos sind natürlich nicht schlecht.

Wichtig ist nun, dass man genau darstellt, wie viel Geld man eigentlich benötigt und worin die Gegenleistungen bestehen. Das kann im Musikbereich die produzierte CD, im Filmbereich die DVD, in der Literatur das Buch, aber natürlich auch die Einladung zur Veranstaltung sein. Orientiert sich die Gegenleistung am Produkt, bedeutet das, dass die Bezahlung für die Nutzung bzw. den Erwerb des Produktes an den Beginn der Produktionsphase gewandert ist, während man normalerweise die CD, die DVD oder das Buch erst dann verkauft, wenn die Produktion abgeschlossen ist. Der Vorteil für die Projektverantwortlichen besteht daher in einer größeren Planungssicherheit. Erst wenn ich von meinen „Kunden“ das Geld erhalten habe, beginne ich mit der Produktion.

Wie können die Projekte unterstützt werden? Das Geld wird in der Regel per Überweisung, Kreditkarte oder via PayPal zum Plattformbetreiber transferiert. Schaffen es die Projektbetreiber, innerhalb des vorgegebenen Zeitraums (bis zu 6 Monaten), die gewünschte (und nach außen hin sichtbare) Summe zusammen zu bekommen, wird ihnen das Geld vom Plattformbetreiber überwiesen. Gelingt es ihnen nicht, die gewünschte Summe einzusammeln, geht das Geld an die Unterstützer zurück.

Wie kann ich Unterstützer für mein Projekt gewinnen? Das Projekt zu planen, zu budgetieren und dann auf der gewählten Plattform zu präsentieren, ist zwar nicht ohne, aber nun beginnt die eigentliche Arbeit: die Unterstützer müssen gefunden werden.

Wer glaubt, dass die eigene Idee gut ist und sich, nachdem das Vorhaben online ist, zurücklehnt und darauf wartet, dass das Geld zu fließen beginnt, wird vermutlich eine böse Enttäuschung erleben. Es kommt zwar immer wieder mal vor, dass ein Projekt auf unerwartet großes Interesse stößt und man eigentlich gar nichts tun muss, um das Geld zusammen zu bekommen. Aber meist steckt hinter einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne sehr viel Arbeit. Die Erfolgsformel lautet: Qualität+Reputation+Netzwerk

Dass es sich bei meinem Vorhaben um eine gute Projektidee handelt, die anderen Menschen gut gefällt, ist selbstverständlich. Qualität ist eigentlich die Grundvoraussetzung für Crowdfunding. Ist mein Vorhaben nicht gut, nicht originell, wird mir wohl kaum jemand Geld dafür zur Verfügung stellen. Aber selbst mit der entsprechenden Qualität ist mein Vorhaben kein Selbstläufer. Wann geben wir jemandem Geld für etwas, was wir nicht unbedingt brauchen? Nur wenn wir dieser Person vertrauen. Vertrauen ist das Ergebnis von Reputation, die man sich erarbeiten muss. Je höher die Reputation, desto niedriger ist der Aufwand, andere zu etwas zu überreden. Ihr Lieblingsautor muss wenig tun, um Sie dazu zu bringen, sein neuestes Buch zu kaufen, er genießt in Ihren Augen eine hohe Reputation. Da tut sich ein Ihnen völlig unbekannter Schriftsteller schon wesentlich schwerer.

Mindestens ebenso wichtig ist ein – möglichst – großes Netzwerk, denn im Idealfall erzählen meine Fans und Unterstützer ihren Freunden von meinem Projekt und überzeugen sie davon, mich und mein Vorhaben ebenfalls zu unterstützen. Der Multiplikatoreffekt ist von großer Bedeutung, nur so trifft zu, was in Wikipedia über Crowdfunding zu lesen ist: es ist die anonyme Masse, die mein Vorhaben finanziert, also Menschen, die ich nicht kenne und die trotzdem bereit sind, in mein Projekt zu investieren.

Soweit das Grundprinzip des Crowdfunding. Natürlich gibt es noch einige Aspekte, die Beachtung verdienen und zu diskutieren sind. Ist Crowdfunding etwa für alle Projekte im Kunst- und Kulturbereich geeignet oder ist die Tendenz, dass Kunst „gefallen“ muss, um finanziert zu werden, nicht eine Entwicklung, die den Mainstream begünstigt? Eine andere Frage ist, ob Crowdfunding die öffentliche Förderung ersetzen kann oder ob es darum geht, Modelle zu entwickeln, die beide Finanzierungsformen kombinieren? Wie sehen Sie das?

Christian Henner-Fehr

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7 Gedanken zu „Crowdfunding: ein Finanzierungsansatz für Kunst und Kultur?

  1. @ok2punktnull: stimmt, im Endeffekt verändert sich nicht unbedingt der Arbeitsaufwand, sondern die Art der Arbeit. Das potenzielle Publikum ist mir beim Ausfüllen eines Förderantrags ziemlich egal, was beim Crowdfunding nicht möglich ist. Dort spielen die potenziellen Besucher oder Käufer schon im frühen Stadium eine wichtige Rolle.

    Wenn man sich die Beispiele aus dem Musikbereich anschaut, dann kann man vereinfacht sagen, die Kunden zahlen für eine Musik-CD nicht erst, wenn sie sie im Geschäft erwerben, sondern schon vor Produktionsbeginn. Das ist für die ein Vorteil, deren Reputation groß ist und denen die Kunden vertrauen. Das ist ein Punkt, der gerne unter den Tisch fällt. Wer einen guten Namen hat, tut sich nämlich beim Crowdfunding leichter als der Neueinsteiger.

    Dass durch die frühzeitigen Bemühungen der Projektverantwortlichen eine ganz andere und intensivere Kommunikation entsteht, die dem Projekt vermutlich gut tut und nichts mit der Spaßgesellschaft zu tun hat, sehe ich auch so. D.h., wir sind eigentlich der gleichen Meinung und schätzen Crowdfunding als positiv ein, wissen aber, dass da sehr viel Arbeit dahinter steckt, um das benötigte Geld zusammen zu bekommen. 😉

    @Birgit: Deine Überschrift macht deutlich, dass Crowdfunding in ganz unterschiedliche Richtungen gehen kann. Banken waren für die Kultur noch nie eine besondere Hilfe, insofern könnten wir das „noch“ aus Deiner Frage streichen. Crowdfunding als Ersatz für die Banken ist aber in vielen anderen Bereichen ein Thema, z.B. im kommerziell ausgerichteten Teil der Kreativwirtschaft. Ob Banken in diesem Bereich oder die öffentlichen Fördergeber im nicht gewinnorientierten Kunst- und Kulturbereich, in beiden Fällen kann das Crowdfunding diese beiden Player nicht ersetzen.

    Ob die öffentliche Hand das private Engagement auf den diversen Crowdfunding-Plattformen als Ansporn für eigene Aktivitäten ansieht, das ist zwar wünschenswert. Aber ich muss gestehen, ich bin da nicht so optimistisch wie Du.

  2. Spannend finde ich an der Idee des Crowdfunding besonders, dass sich der Kontakt und das Feedback vom „Kunden“ schon vor die eigentliche Produktion oder vielleicht das Event verlagert. Will man für ein Projekt eine Förderung bekommen, so muss sowieso ein vernünftiges Konzept erarbeitet und ein Kostenplan aufgestellt werden. Diese Arbeit fällt also immer an. Wenn man im Vorfeld sich stark um ein Netzwerk, um Kunden, um eine Community bemüht und sie mobilisiert, dann bedeutet das schon eine erste Auseinandersetzung mit dem Produkt, evtl. mit der Idee einer Ausstellung oder eines Events. Es trägt so schon zu Zielen einer „Vermittlung“ bei. Das Endprodukt hätte bei einer Realisierung so schon einen Erfolg. Der Topf für die PR- und Öffentlichkeitsarbeit muß nur vorher geöffnet und vielleicht für andere z.B. Social-Media-Kanäle genutzt werden. Die gewonnenen Daten/Feedbacks etc. bedeuten wiederum, dass gewisse Arbeit letztlich wieder wegfallen würde, das wären Teile der Evaluation! Wenn Projekte im Kulturbereich im Vorfeld stark diskutiert werden würden, gäbe es auch zahlreiche Informationen für die Besucherforschung / Audience Developement und eine Rechfertigung des Programms ist nicht mehr nötig.
    Eine Kombination von Förderung und Crowedfunding könnte ich mir aber auch vorstellen, wenn es um Ausmaße eines Rahmenprogrammes geht. Die Nutzerforschung hat ergeben, dass viele Menschen auch durch ein Rahmenprogramm mit angezogen werden. Dies muss nicht unbedingt immer negativ mit „Spaßgesellschaft“ interpretiert werden, dass bedient werden möchte. Es sind nur gewisse Anreize, die Kunst -oftmals als schwer Verdaulich in den Köpfen der Menschen- „verdaulicher“ zu machen. Das Produkt muss deswegen nicht leiden. Es muss den Anspruch nicht verlieren und auch seine Ecken behalten. Wenn man durch eine Crowdfunding-Aktion jedoch erreicht, dass es neben der Ausstellung noch spezielles Souvenier geben könnte, ein Werkstattgespräch, ein kleines Fest oder eine temoräre Entspannungs-Installation (whatever), dann wird LUST auf das Projekt gemacht, man fühlt sich als Unterstützer ZUGEHÖRIG, VERANTWORTLICH, MITGESTALTEND, KREATIV, wenn von Unterstützern vielleicht selbst Vorschläge für Umsetzungen kommen. MOBILISIERUNG als im aktive Auseinandersetzung mit Kulturprodukten / -prozessen ist ein spannendes Theman, denke ich.

  3. Das sind alles wichtige Punkte, die Du ansprichst, Christiana. Der Qualitätsbegriff ist vermutlich ebenso schwer zu fassen wie bei öffentlichen Förderungen. Es gab in der Geschichte immer wieder Kunst, die verfolgt wurde und sich dann trotzdem irgendwann einmal durchsetzte. Insofern habe ich damit keine Probleme, gebe aber zu, dass die Kriterien für eine erfolgreiche Crowdfunding-Aktion andere sein können als bei einem Förderantrag. Vor allem im Bereich der darstellenden Kunst ist es aber, denke ich, nicht so ganz falsch, das potenzielle Publikum schon vorab einzubeziehen. Im Endeffekt können die Unterstützer diejenigen sein, die später dann die Inszenierung anschauen.

    Ich stimme mit Dir überein, dass der Aufwand solcher Aktionen vermutlich größer sein wird als beim Ausfüllen eines Förderantrags. Insofern sollte man sich gut überlegen, ob das für einen in Frage kommt. Vor allem, wenn man beides versucht, Crowdfunding und Förderung. Hier müssen dann gut funktionierende Prozesse aufgesetzt sein, damit diese Aufgabe überhaupt machbar ist.

    Entweder oder, diese Frage stellt sich meiner Ansicht nach gar nicht, ich denke, dass in bestimmten Situationen ein Nebeneinander sinnvoll sein kann. So könnte man mit einer Crowdfunding-Aktion starten und der Staat verdoppelt dann den Betrag. Das würde ich nicht in allen Bereichen machen, aber ein Programm, das genau so funktioniert, könnte schon eine spannende Sache sein.

  4. Bei der Crowdfunding-Entwicklung bin ich sehr unentschlossen hinsichtlich des Potenzials. Für manche Kunstsparten mag dies eventuell eine Finanzierungsform sein. Der Hinweis der Massentauglichkeit der Kunst finde ich sehr spannend. Tja, und die Frage nach der Qualität? Wer entscheidet über die Qualität einer Kunstform/ eines Projektes? Hier anscheinend der „Schwarm“. Und nicht nur die Qualität eines Projektes ist relevant für den Erfolg, sondern auch die medial breit aufgestellte Präsentation. Das bedeutet, ein Projekt, das eine hohe „Qualität“ verspricht, aber aufgrund der Kunstform noch nicht so medial aufbereitet darstellbar ist wie in vielen zeitgebundenen Kunstformen, hat es höchstwahrscheinlich auf diesem Wege schwer.

    Ich denke nicht, dass Crowdfunding das Potenzial besitzt, öffentliche Förderung zu ersetzen. Die verantwortlichen öffentlichen Ebenen sollten da auch nicht aus ihrer Verantwortung entlassen werden, Kunst und Kultur zu fördern! Die Kombination aus öffentlicher Förderung und Mittel aus dem Cowdfunding muss man genauer betrachten: 1. welche Sparten sind besonders geeignet? 2. wie können sich die öffentliche Förderebenen in ihrer Förderlogik auf die unplanbare Finanzierungsform „Crowdfunding“ einstellen? Es gibt ja auf öffentlicher Ebene nicht nur einen Akteur, sondern im Zeitalter des „Pre-Crowdfunding“ war die Mittelbeschaffung auch aufgrund der Vielzahl der Akteure und Förderregularien schon unübersichtlich (dieses gilt es auch zu vereinfachen und zu verschlanken, um die Antragsprosa auf ein Mindesmaß herunterzubrechen). Kommt hier dann noch hinzu, dass das Kunstprojekt darüber hinaus noch stärker medial aufbereitet werden muss, könnten einige Künstler kaum noch Zeit für Ihre eigentliche Kunst haben.

    Ich schreibe dies vor allem aus dem Blickwinkel der Darstellenden Künsten, vielleicht mag dies in anderen Kunstformen anders aussehen. Auf Kommentare dazu bin ich gespannt, da ich erst einmal unheimliche große Anstrengungen für einen zu kleinen Nutzen sehe ….

    Christiana Henke

  5. Pingback: Kunst und Kultur im digitalen Zeitalter: Herausforderung für die Kulturpolitik « Das Kulturmanagement Blog

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