Meine ersten Schritte als „Digital Immigrant“!

Es ist Samstagabend und ich sitze nun alleine in meinem Arbeitszimmer. Die analoge Welt um mich herum sieht verregnet aus. Aber bin ich denn alleine? Seid Ihr nicht da draußen immer bei mir? Ich kann gleichzeitig das Leben einer Bekannten auf Hawaii mitverfolgen, konnte sehen, wie sie ihr Auslandssemester erlebt hat und nun beobachten, wie sie ihren Rückweg antritt. Ich frage auch mal schnell meine Community, ob sie mir wichtige Fragen beantworten kann. Mein Leben hat sich entschieden verändert! Binnen weniger Monate bin ich Teil einer neuen Gemeinschaft geworden, habe neue interessante Menschen und Themen kennen gelernt, konnte mich direkter an gesellschaftlichen Debatten beteiligen, fühle mich als ein wichtiger Teil eines Netzwerkes und schneller informiert. Ich gebe gerne Informationen in dieses Netzwerk hinein, weil ich ebenfalls viele Informationen dort raus ziehe.

Trotzdem bin ich ein „Digital Immigrant“ und taste mich langsam an die Möglichkeiten der digitalen Welt heran. Zum ersten Mal nutze ich als Bloggerin nun auch die Chance, meine Gedanken und Vorstellungen mit dieser Community zu teilen. Erhoffe mir Feedback, gleiche oder andere Erfahrungen.

Man könnte nun meinen, dass ich ein absoluter Verfechter der digitalen Bewegung bin. Das ist sicherlich nicht der Fall! Ich habe auf viele Fragen und Gefahren, die auch der Kongress aufgeworfen hat, keine Antwort. Ich bin aber der Auffassung von Prof. Schulze, dass das Social Web oder das Web 2.0 einen positiven gesellschaftlichen Wandel befördern oder ermöglichen kann. Für mich ist wie auch für Thomas Krüger das Glas halbvoll.

Ich plädiere dafür, eigene Erfahrungen im Web 2.0 zu sammeln. Das eigene Kommunikationsverhalten mal auf den Prüfstand zu stellen. Ich habe immer wieder auf dem Kongress gehört „Warum soll man permanent twittern oder posten, was man gerade macht?“ „Ich bekomme genügend Emails, ich kann diese Informationen gar nicht verarbeiten, ich habe keine Zeit dazu!“ Das Web 2.0 ist kein zusätzlicher Kanal, der uns mit einer Vielzahl von unwichtigen Eindrücken und Informationen überschüttet, sondern kann ein Raum der unterschiedlichsten Möglichkeiten sein, die der Kongress vielleicht noch prägnanter hätte rausstellen können. Da bin ich ganz der Meinung von Christian Henner-Fehr. Das Hervorheben der Chancen des Web 2.0 für unsere Wissensgesellschaft sollte als Vision klar benannt werden. Nur, wenn man eine gesellschaftliche Vision entwickelt, können Wege dorthin beschrieben und rechtliche Rahmenbedingungen angepasst werden.

Ein wichtiger Schritt war es, diese Diskussionen mit diesem Kongress in der kulturpolitischen Debatte zu platzieren. Viele Fragen möchte ich gerne noch erörtern, die der Kongress nur anreißen konnte, da vor allem die Frage des Urheberrechts und der Netzneutralität im Raum stand.

Eine entscheidende Frage ist die der digitalen kulturellen Bildung und Medienkompetenz, die nur innerhalb eines Forums angerissen werden konnte. Man sollte einen genauen Blick auf das Nutzerverhalten der „Digitale Natives“ werfen. Birgit Mandel hat in den Kulturpolitischen Mitteilungen IV/ 2010 die Tendenz  aufgrund der aktuellen Shell-Studie beschrieben, „dass Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Milieus auch im Netz weniger Chancen auf kulturelle Selbstbildungsprozesse haben, weil sie das Netz weniger kompetent für Ihre Entwicklung nutzen.“ Das enthierachisierte Netz könnte also Bildungsunterschiede verschärfen und nicht verringern.

Diesen Punkt würde ich gerne zur Diskussion stellen.

Christiana Henke

Advertisements

3 Gedanken zu „Meine ersten Schritte als „Digital Immigrant“!

  1. Ich kann hier auch nur zustimmen: kulturelle Bildung, Medienkompetenz und der „digital divide“ sind wichtige Stichworte – und diese sind vielleicht auf dem Kongress etwas zu kurz gekommen? Zu der Frage ob das Netz „demokratischer“ ist stimme ich Euch ebenfalls zu – es ist nicht anders als im RL, aber es könnten (theoretisch) „demokratischere“ Kommunikationsmöglichkeiten geschaffen werden – die (technischen) Strukturen sind dafür da, die jedoch genauso genutzt werden können um die bestehenden Entwicklungen zu verschärfen. Es sind also Chance und Risiken – und gerade deshalb ist die Diskussion wichtig!

  2. @Christian: Stimmt, das Netz ist ein Kommunikationsraum. Auf der einen Seite wird aber proklamiert, der Zugang zum Wissen wird deutlich erleichtert und ermöglicht gerechtere Bildungsmöglichkeiten. Wenn ich an mein Studium zurückdenke, wie lange man nach Artikeln oder geeigneten Büchern gesucht hat, ermöglicht das Netz bereits jetzt eine Vielzahl schnellerer Wege, die für jeden nutzbar sind. Aber auf der anderen Seite auch Schwierigkeiten, die Informationen zu filtern und einzuordnen. Das Nutzerverhalten sollte wirklich mal unter die Lupe genommen werden. Die Frage ist doch, ob das überall verfügbare Wissen die sozialen Schieflagen in der Gesellschaft noch weiter verstärkt, da die Institutionen im Moment mit den Prozessen noch überfordert sind, um den Jugendlichen eine ausreichende Medienkompetenz zu vermitteln. Natürlich muss weiterhin ganz viel in der analogen Welt getan werden, um Bildungsdefizite auszugleichen. Das Netz ist meiner Meinung nach aber zusätzlich noch ein Katalysator, der bereits bestehende Entwicklungen noch verstärken kann.

  3. @Christiana: ich sehe das ähnlich wie Du. Man muss es einerseits ausprobieren, denn Kompentenz kann man sich nicht anlesen, sondern muss die Dinge ausprobieren und herausfinden, wie sie funktionieren.
    Auf der anderen Seite gibt es eine recht große Zahl von Menschen, die das Netz „weniger kompetent für ihre Entwicklung nutzen“, wie Du Birgit Mandel zitierst. Ich denke auch, dass das Netz nicht demokratischer oder gerechter ist als unsere Gesellschaft. Das Internet ist „nur“ ein Kommunikationsraum, die Infrastruktur für unsere Gespräche. Warum sollte es dort demokratischer oder gerechter zu gehen als im realen Leben? Schließlich sind wir es, die dort kommunizieren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s