Wider den Kulturinfarkt

Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel, Stephan Opitz

»Kulturpolitik bedarf nicht besonderer Schonung, sondern einer kritischen Diskussion. Darf man eine Politik kritisieren, die das Schöne pflegen und die Identität der Menschen fördern will? Kritik ist nicht Gegnerschaft …«
(Gerhard Schulze: Die Erlebnisgesellschaft.
Frankfurt / New York 1992)

Im März 2012 erschien »Der Kulturinfarkt«. Seit dem Erscheinen der Streitschrift läuft eine Debatte zu Kultur und Kulturpolitik, deren Amplitude die Kulturpolitik in der Bundesrepublik Deutschland bislang nicht gesehen hat. Das ist auf der einen Seite verwunderlich angesichts des immer wieder behaupteten hohen politischen Stellenwerts, welcher der aus Steuermitteln geförderten Kultur zugesprochen wird. Andererseits ist es möglicherweise genau dieser nicht übermäßig reflektierte politische Stellenwert von Kultur, der einen lebhaften und vertieften Diskurs jenseits der kulturellen Lobby bislang verhinderte.
Die Behauptung, dass Deutschland ein Kulturstaat sei, geht allen leicht über die Lippen. Dass dies im Grundgesetz festzuschreiben wäre, wurde zwar von der Enquete-Kommission »Kultur in Deutschland« beschlossen, die dafür notwendige Mehrheit im Bundestag kam bisher nicht zusammen. Die Lobby der etablierten Kultur, der Deutsche Kulturrat vorneweg, bemüht sich nach wie vor um die verfassungsrechtliche Kodifizierung des »Kulturstaats«, doch die Diskussion stockt. Großes Interesse an dem Thema gibt es außerhalb der einschlägigen Verbände nicht. Liegt dies am mangelnden Enthusiasmus der Gesellschaft? Oder einfach daran, dass »Kulturstaat« schon fast ein »weißer Schimmel« ist? Gibt es denn etwas, was grundsätzlich noch mehr Kultur voraussetzt als der Begriff »Staat»?


Wir gehen hier nicht der Frage nach, welcher verfassungsrechtliche Sinn darin liegt, den Passus ins Grundgesetz aufzunehmen, dass Deutschland ein Kulturstaat sei. Auch fragen wir nicht, ob daraus mehr erwachsen würde als eine weitere Versteinerung der kulturpolitischen Verhältnisse in Deutschland: Dann wäre ja nicht nur alles Kulturelle »unverzichtbar«, wie behauptet wird, sondern die »Unverzichtbarkeit« wäre verfassungsrechtlich kodifiziert, so dass Kritik an der Art, wie der Kulturstaat seine Aufgabe wahrnimmt, in noch größere Widerstände hineinlaufen würde.
Ein kleiner Blick in die Ideen- und Kulturgeschichte Deutschlands ist hilfreich. 1915 bis 1918 schrieb Thomas Mann den großen Essay »Betrachtungen eines Unpolitischen«. Der spätere Nobelpreisträger arbeitete in dieser Schrift (die den 1. Weltkrieg positiv begleitete) als Gegensatzpaar Kultur, Seele, Geist, Kunst auf der einen und Politik, Zivilisation, Demokratie, »Stimmrecht« auf der anderen (französischen, britischen) Seite heraus. Er stellte sich damit in die Tradition eines »deutschen Sonderwegs«, dessen frühneuzeitliche Wurzeln in der Reformationszeit zu suchen sind – den kulturellen Gegensatz zwischen der »teutschen« und der »wälschen« Welt entdeckte Martin Luther mit und auf seiner Romreise. Dass die Wiederentdeckung der »Germania« des Römers Publius Cornelius Tacitus (ca. 58-120 n.Chr.), jener Propagandaschrift mit dem Ziel der sittlichen Aufrüstung der kaiserzeitlich verkommenen Römer durch einen anschauliche Schilderung der sittsamen und ländlichen Germanen vermutlich aus dem Jahre 98 n.Chr., durch den Lutherzeitgenossen und Humanisten Ulrich von Hutten gleichzeitig geschah, befestigte jene Anschauung eines vermeintlichen Gegensatzes zwischen den Deutschen und anderen Europäern.
Thomas Mann nahm in der bedeutenden Rede »Von deutscher Republik« am 13. Oktober 1922 aus Anlass des 60. Geburtstages von Gerhart Hauptmann wesentliche Aussagen des Essays indirekt zurück, lobte nun die Demokratie. Doch sind Ideen langwirkende Angelegenheiten. Als Deutschland nach 1945 sich anschickte, ein demokratischer Staat zu werden, da wurde der »Kultur« (und zwar im Sinne einer ewigkeitsorientierten Hochkultur in möglichst direkter Anknüpfung an die Weimarer Klassik) ein hoher Stellenwert zugemessen. Das war einfacher, als sich schon in den 50ern damit auseinanderzusetzen, was die freiwillig eingegangene Selbstverstümmelung Deutschlands durch die Nazibarbarei eigentlich kulturgeschichtlich bedeutete (das ist bis heute nicht umfassend aufgearbeitet). Der damit verknüpfte Anspruch formulierte sich also nicht politisch im Sinne eines Abgleichs mit anderen Politikfeldern, sondern er wurde und wird in Teilen bis heute unabhängig und umfassend autonom verstanden – gegen »Kultur« darf keiner sein.
Auf dieser Grundlage wurde im Gefolge von 1968 und sozusagen im Huckepackverfahren der Bildungsdebatte »Kultur für alle« zum Programm für Kulturpolitik in Deutschland. »Kultur für alle«, das meinte Zugang zur Hochkultur im oben beschriebenen Sinne, und es meinte nicht eine selbstkritische Diskussion der Gesellschaft über ihre Kultur und ihren »Sonderweg«. »Kultur für alle« begründete einen rasanten Aus- und Aufbau der Institutionalität in der Kultur – salopp gesprochen gründete man lieber ein neues Museum als sich mit den alten darüber zu unterhalten, was man gemeinsam besser machen könnte.
Das Funktionieren des Programms »Kultur für alle« ruht auf Voraussetzungen, die nicht selbstverständlich sind. Die Bewilligung von öffentlichem Geld für immer neue Projekte war nur möglich, solange – wie z.B. mit dem Begriff »Kultur« – ein abstraktes Ziel formuliert war, das nicht in Frage gestellt wird, und solange noch scheinbar unermessliche Steuermittel beim Staat vorhanden waren. Doch darüber hinaus gilt in einer Demokratie zu Recht die Forderung nach Transparenz: Öffentliche Mittel sollen für nachvollziehbare und überprüfbare Ziele ausgegeben werden. Solche staatlichen Interventionen mit Geld nennt man Subventionen.1 Subventionen sind nicht nur Marktwirtschaftlern verdächtig; hinter ihnen steht immer eine Rechnung, die die Steuerzahler zu begleichen haben. Für die Akzeptanz von Subventionen sollte daher gelten: Wenn eine Institution Geld vom Staat bekommt, ohne dass damit unmittelbare materielle Gegenleistungen verbunden sind – dann hat sie klare Ziele, möglichst viele Menschen wissen davon, akzeptieren das und sind möglicherweise erfreut darüber.
In der Kultur kann das der Fall sein. Wer in eines der 140 öffentlichen Theater Deutschlands geht, der ist Nutznießer einer Subvention in Höhe von durchschnittlich 110 Euro pro Platz und Vorstellung. Da 7 bis 10 Prozent der Bevölkerung die öffentlichen Theater nutzen, braucht Kulturpolitik gute Argumente, um die Akzeptanz dieser Subvention bei den anderen 90 Prozent zu erreichen. Möglicherweise reicht der Satz »Theater muss sein« hier nicht. Guter Argumente bedürften auch andere Subventionen für die Kultur: Natürlich gibt es Leute, die nie oder nur ganz selten in ihrem Leben in ein bedeutendes Museum gehen und dennoch froh darüber sind, dass es diese Museen gibt. Öffentliche Bibliotheken werden ebenso wenig von allen Bürgerinnen und Bürgern genutzt (es sind in dem Fall ca. 10 bis 15 Prozent), dennoch gibt es sehr gute, z.B. bildungspolitische, Argumente dafür, dass auch die restlichen 80 bis 90 Prozent über deren Existenz froh sein können. Der ganz überwiegende Teil der Finanzierung von Kultur aus öffentlichen Mitteln geschieht auf dem Wege der Subventionen; nur Denkmalschutz und Archivwesen funktionieren auf gesetzlicher Grundlage. Das braucht Behörden.
Subventionen muss man politisch im Wettbewerb verhandeln (mit der Kultur konkurrieren etwa Bildung, Umwelt, Soziales). Das hat zu einer rhetorischen Figur geführt, die auf den Begriff der Investition ausweicht: Kultur sei eine Investition (in die Zukunft, in die Kinder, in die Gesellschaft pp). Diese rhetorische Figur bezieht ihren Anspruch aus dem Gegensatzpaar Subvention – Investition. Investitionen sind nach landläufigem Sprachgebrauch positiv zu bewerten, Subventionen sind negativ besetzt. In der Wirtschaftswissenschaft versteht man unter Investition die Anlage von Kapital in Produktionsmittel oder Vermögen oder Geldkapital, um damit neue Gewinne zu erzielen. Eines ist grundlegend für den Investitionsbegriff: Er bezieht sich auf mittel- und langfristigen Einsatz von Geld in geschäftlichen Prozessen. Dieser Einsatz soll Rendite generieren.
In der Kultur ist diese rhetorische Figur im besten Fall das Resultat symbolischen Sprechens, meistens aber hilfloses Gerede – wer nicht weiß, was Kultur ausmachen soll (und zwar die, welche mit Steuermitteln angeschoben oder erhalten werden soll), nennt das Ganz eine Investition, und schon sind sich alle einig: Dagegen kann niemand sein. Irgendein Gewinn wird sich schon einstellen.
Die Sachlage ist aber komplexer, als dass sie mit symbolischem Sprechen bewältigt wäre. Wenn Kinder heranwachsen, dann sollten sie in gute Kindergärten, Schulen und Hochschulen gehen können. Gut heißt hier, dass diese Einrichtungen maßgeblich dazu beitragen, dass eine Gesellschaft nachhaltig in der Lage ist, sich über sich selbst zu verständigen (so eine gebräuchliche Definition von Kultur und Bildung). Dies ist eine andere Sache, als sinnvollerweise im Geschäftsleben mit Investitionen höhere Gewinne zu erzielen. Theater werfen keine Gewinne ab, Museen lohnen sich nicht und Bibliotheken erzielen keine Rendite. Doch will eine Gesellschaft langfristig in der Lage sein, sich über sich selbst zu verständigen, wird sie nicht darauf verzichten können, dass auch künftig Menschen Medien in Bibliotheken finden, auf Bühnen komplexe Zusammenhänge exemplarisch anschauen und in Museen eine Vorstellung davon bekommen können, welche Dimension Kunst und die eigene Geschichte haben und wie diese Dimensionen verstanden und differenziert werden können.
Wie kann man sich dieser komplexen Aufgabe nähern, ohne zuerst »Theater muss sein« oder »Kultur gut fördern« zu schreien? Um zu einer stimmigen Struktur öffentlicher Kulturförderung zu kommen, sollte man davon absehen, alles Kulturelle in jedem Fall als etwas uneingeschränkt Gutes zu etikettieren, jede Aufgabe, Institution und jedes Begehren als »unverzichtbar« zu definieren und auf dieser Grundlage möglichst viele öffentliche Mittel zu verlangen. Denn Kultur ist eine sehr heterogene und komplexe Angelegenheit. Sie umfasst die Hochkultur und die Regional- und Heimatkultur bis zur Soziokultur, und das ist noch längst nicht alles, was darunter verstanden werden kann. Auch die Berechtigung des demokratischen Souveräns, einzelne Kunstwerke mit Steuermitteln anzukaufen oder deren Entstehung im einzelnen (und nicht etwa durch die funktionsgerechte Einrichtung und entsprechend stetigen Erhalt eines Museums) zu fördern, kann mit Bezug auf Art. 5, Abs. 3, Satz 1 GG durchaus in Frage gestellt werden: »Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.« Die politisch unkonkrete und in den Länderverfassungen unterschiedlich vage abgebildete Proklamation, dass es einen »Anspruch auf Förderung von Kultur« gebe, verbleibt im rhetorischen Gestus von Sonntagsreden – man kann entweder empathisch dafür oder desinteressiert dagegen sein, nie aber auf die Ebene eines politisch-gesellschaftlichen Diskurses gelangen. Doch der ist unabdingbar, möchte eine Gesellschaft sich darüber verständigen, was sie fördern will, und wenn sie dies tun möchte, im Bewusstsein über die vielen guten Zwecke, für die Steuergelder verwandt werden können.
Natürlich kann man alles auch ganz simpel machen: Geben wir einfach »den Neumann«! Wie das geht? Anlässlich der Jahrestagung 2012 des Deutschen Museumsbundes hat Kulturstaatsminister Bernd Neumann den Erhalt der mehr als 6.000 mit öffentlichen Mitteln geförderten Museen in Deutschland verlangt. »Wir brauchen sie alle«. Wenige Tage zuvor hatte er die Bedeutung jeder noch so kleinen Bühne in Deutschland betont. Keines der 145 öffentlich geförderten Theater, der 280 Privattheater und auch keine der Tourneebühnen und freien Gruppen sei verzichtbar, auch hier: »Wir brauchen sie alle!«, sagte der CDU-Politiker zum Auftakt des Theatertreffens in Berlin. Die Vielfalt der deutschen Bühnenszene sei »weltweit einzigartig« und »eigentlich ein Fall für das immaterielle UNESCO-Welterbe« (dapd).
»Die Kulturpolitik steckt in einer Immobilitätskrise – doch die ist selbst verschuldet«, mit diesen Worten beginnt »Der Kulturinfarkt«. Wer noch einen Beleg für die Richtigkeit dieser These gesucht hat, findet ihn bei Neumann: Sicherung einer vitalen, zukunftsoffenen Theater- und Museumslandschaft durch – Denkmalschutz! Theater muss sein! Kultur gut fördern! Wer sich mit einer solchen Weltsicht zufrieden gibt, braucht den »Kulturinfarkt« nicht zu lesen. Wem der Ansatz mit dem Weltkulturerbe dagegen unterkomplex erscheint, der kann im Buch vielleicht Anregung finden.
Den notwendigen Diskurs über Kulturpolitik kann man auch ordnungspolitisch entwickeln. Wirtschaften ist der Umgang mit knappen Gütern. Für den kulturellen Bereich können – wie überall in entwickelten Gesellschaften – drei Güterklassen unterschieden werden.
(1) Wirtschaftsgüter werden auf Märkten angeboten. Sie finden – wenn die Anbieter Fortune haben – ihre Abnehmer. Dies gilt sowohl für Güter im engeren Sinne (im Kulturbetrieb Gemälde, Skulpturen, Bücher, Filme, CDs/DVDs usw.) wie auch für Dienstleistungen (im Kulturbetrieb Theateraufführungen, Ausstellungen, Konzerte, Musik- und Volkshochschulunterricht usw.). Die Kulturwirtschaft, soweit sie sich mit der Herstellung kultureller Güter und Dienstleistungen beschäftigt, stellt Wirtschaftsgüter bereit.
(2) Öffentliche Güter und Dienstleistungen: An deren Herstellung hat der Staat ein primäres Interesse; sie stellen sich als solche durch staatliches Handeln erst her. Ein altes Gebäude ist eine Sache. Ein Denkmal entsteht erst durch die öffentliche Widmung, mit vielen Folgen für die Verfügbarkeit des Gebäudes, öffentliche Förderung, steuerliche Behandlung. Der Staat entzieht Güter durch seine Definitionsmacht ganz oder teilweise den Mechanismen des Marktes. Archivwesen und Denkmalschutz sind in Deutschland und vielen Ländern Europas derart gebunden, Standards sind festgelegt. Und so ist es eben nicht mehr dem freien wirtschaftlichen Handeln von Marktteilnehmern überlassen, was sie mit Denkmälern tun. Was öffentliche Güter sind, unterliegt regional und historisch unterschiedlichen Bewertungen.
(3) Meritorische Güter: Meritorische Güter entstehen dort, wo die Öffentlichkeit in Märkte eingreift. Die überwiegende Zahl der kulturellen Förderfälle gehört zu dieser Kategorie von Gütern und Dienstleistungen. Nachfrage ist auch hier eine relevante Größe, wie bei den Wirtschaftsgütern. Die Dauer- oder Sonderausstellung, die Theaterpremiere, die Musikstunde in der Musikschule müssen auf einem Markt Nachfrage finden. Ein solches Angebot aber wird – bene meritus – zumindest idealiter auf der Grundlage kultureller, bildungsbezogener, geschichtlicher, sozialpolitischer, vielleicht auch staatlich-repräsentativer Erwägungen mit Steuermitteln so günstig gehalten, dass die Nachfrage – hoffentlich – stimuliert und möglichst gesichert wird.
Würde diese Klassifikation in der kulturpolitischen Diskussion verwandt, bekäme letztere sofort eine größere Tiefenschärfe. Derzeit lässt sich über Kultur, die mit Steuermitteln ermöglicht werden soll, politisch fast nicht diskutieren. Denn wenn von Kultur die Rede ist, geht es immer um das ganz große Große und Ganze. Sofort steht Verantwortung für die Kultur schlechthin zur Diskussion, selbst wenn es nur darum geht, Raum für eine Umschichtung oder Kürzung im Kulturhaushalt einer notleidenden Kommune zu finden oder eine Abwägung zwischen unterschiedlichen kulturellen Förderzielen anzustellen. »So geht es nicht, die Kultur ist das Wichtigste überhaupt« versus »Alle müssen sparen, da kann keiner ausgenommen werden« lauten die rhetorisch simplen Eckpunkte solcher Debatten.
Würde man mit den Kategorien Güterklassen diskutieren, kämen andere – und wie wir meinen – produktivere Fragen ans Licht. Welche Ziele werden mit den meritorischen Eingriffen in den Kulturmarkt verfolgt? Gibt es Prioritäten bei den Zielen, welche sind vor-, welche nachranging? Ist die gefundene Förderung oder ist die gefundene institutionelle Form der beste Weg, diese Ziele zu erreichen? Lassen sich ohne Kompromittierung der Ziele andere Formen finden, in denen privatwirtschaftliche Energie meritorische Arrangements ersetzen oder ergänzen kann? – Kurz: Es könnte mit kulturökonomischem Sachverstand darüber nachgedacht werden, wie öffentliche Mittel effizient eingesetzt werden, wie sie die größte öffentliche Wirkung entfalten. Dies ist etwas völlig anderes, als »neoliberal« den bösen Märkten das Feld zu überlassen: Es geht um die Gestaltung von kulturpolitischer Förderung unter Beachtung der Prämissen ordentlicher Haushaltsführung. Wir plädieren dafür, Planungsverfahren sowie Ziel- und Sachverstand auch dort einzusetzen, wo die Diskussion bisher davon dominiert wurde, dass geförderte Kulturinstitutionen sich selbst – nicht ohne Eigeninteressen, aber das ist ja nichts Schlechtes – für schlechthin sakrosankt erklärt haben.
Wenn man die Diskussion über Kulturpolitik, über öffentliche Kulturhaushalte so führen würde wie in anderen Politikfeldern, blieben die politisch zu lösenden Aufgaben wahrlich interessant genug. Was kann auf dem Markt geschehen, wo entstehen kulturelle Wirtschaftsgüter, wenn die öffentlichen Hände dies zulassen?2 Was kann die »Zivilgesellschaft«, was können die Bürger selbst; was kann Unterstützung hier bewirken? Und was verbleibt bei den öffentlichen Händen? Abwägungen bleiben schwierig: Was bedeuten zehn Prozent Kürzung beim seit 20 Jahren jährlich stattfindenden Klavierfestival einerseits und was wäre andererseits aus dem Anschaffungsetat der Stadtbibliothek noch anzuschaffen, würden dort (wo 90 Prozent sowieso Personalkosten sind) zehn Prozent der Zuwendungen gestrichen? Es ist der konkrete Blick auf die einzelnen Fälle, der die Grundlage für einen kulturpolitischen Abgleich und entsprechendes Handeln schafft und nicht das allgemeine Bekenntnis oder eine allgemeine Ablehnung. Institutionelle Opfer sind kaum zu vermeiden, wo Haushalte in den kommenden Jahren eher schrumpfen als real wachsen werden. Das Buch behauptet, dass es auch andere, möglicherweise günstigere Formen von Kulturförderung gibt, außerhalb jener Institutionen, die beanspruchen, die Ziele einer »Kultur für alle« allein erreichen zu können. Denn weder Theater noch Museum noch Bibliothek sind der Zweck von Kulturpolitik, sondern die ästhetische Erfahrung, die die Bürgerinnen und Bürger dort machen (können). Und wie es in der Kultur so ist, haben sich neue Formen entwickelt, denen die auf Institutionen fixierte Kulturpolitik mit Blindheit begegnet. Diese Blindheit zu beseitigen, hieße, einer gesellschaftsorientierten Kulturpolitik das Wort zu reden. Kulturpolitik ist Gesellschaftspolitik. Um das Gejammer des Kulturbetriebs braucht selbstbewusste Gesellschaftspolitik sich nicht zu kümmern. Der etablierte Kulturbetrieb wirft den Kritikern des institutionellen Überbaus (für einmal wörtlich zu verstehen) Populismus vor. Jenen, die die kulturelle Wohlfahrt der anderen 90 Prozent in den Blick nehmen, diese Offenheit zum Vorwurf zu machen, heißt nichts anderes, als an der Lösung des Problems, Kultur zu allen zu bringen, nicht interessiert zu sein.
Wie lässt sich der Kulturinfarkt abwenden? Das geht wie bei jeder Infarktgefährdung. Der Patient muss wieder in Bewegung kommen. Weniger metaphorisch: Dort, wo Kultur öffentlich gefördert wird, muss von den Zielen bis zu den Maßnahmen geplant, und das heißt zuallererst: mit nüchternem Verstand über Kulturpolitik und Förderung nachgedacht werden. Es kann sein, dass sich in der Kulturförderung viel ändert. Es kann sogar sein, dass einige Institutionen aus der öffentlichen Förderung herausfallen. Nur so entsteht Platz für die Zukunft. Das Buch »Der Kulturinfarkt« ist ein Appell an die kulturpolitisch Verantwortlichen überall, die Debatte – ohne Angst vor Interessenten und Verbänden – wieder aufzunehmen. Die kulturpolitische Debatte muss von Besitzstandwahrung und rituellen Beschwörungen wegkommen. Sie darf sich nicht in Funktionärszirkeln, Verbandsblättern und Evangelischen Akademien verstecken, sondern sie muss öffentlich sein, Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft einbeziehen. Die Autoren haben das Vertrauen in Kraft und Willen zur Selbstheilung nicht aufgegeben. Auch wenn die Widerstände gegen die Therapie groß sind.

__________

1
Das hat Walter Grasskamp (SZ vom 25.5.2012) nicht richtig verstanden: Er will die Sache anders benennen, um Kultur aus der Nähe wirtschaftlicher Assoziationen herauszuhalten, braucht aber selbst einen ökonomischen Krisenbegriff: Es geht halt nicht ohne, denn alles gesellschaftliche Handeln hat eine ökonomische Seite.

2
Öffentlich geförderte Kultur wirkt ja auch so auf den Markt, dass sie kulturelles Unternehmertum im selben Feld unterdrückt. Crowding-out ist ein Problem, dem sich jede meritorische Förderung stellen muss.

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3 Gedanken zu „Wider den Kulturinfarkt

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  3. Auf die wohl rhetorisch gemeinte Frage “Gibt es denn etwas, was grundsätzlich noch mehr Kultur voraussetzt als der Begriff »Staat»?” muss unbedingt geantwortet werden: ABER JA, NATÜRLICH! DIE FREIHEIT ist es, der mehr Kultur innewohnen muss, wenn sie denn menschlich sein soll.

    Der Staat ist begrifflich der Freiheit unterzuordnen und nicht gegenüber zu stellen, wie es der parteipolitischer Liberalismus zu tun pflegt, um nicht nur eine Demontage des Staates zu betreiben, sondern auch eine Demontage der Kultur der Freiheit. Allerdings ist es übertrieben zu vermuten, dass diesem debilen Unterfangen rationale Intention innewohnt. Wer sägt schon mit Absicht an dem Ast, auf dem er sitzt?

    Müssen wir die Idee eines Staates, der nicht der Freiheit seiner Bürger dient, sondern sie instrumentalisierend in Kriege, Wirtschaftskrisen oder Wohlfahrtsabhängigkeit bis Obdachlosigkeit schickt, wirklich ausmalen und diskutieren?

    Ein Bundespräsident (im Übrigen der Repräsentant des Staates und nicht der Gesellschaft!), der bei militaristischen Veranstaltungen eine Fahne küsst und sich die Freiheit als oberstes Thema auf seine eigenen Fahnen geschrieben hat, befindet sich in einer schlimmen Paradoxie.

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies den Lobbyisten der “etablierten” Kultur entgangen ist. Ich wollt’s auch noch mal gesagt haben.

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