Das Öffentliche darf in der Demokratie nicht egal sein!

Ein Gespräch mit Oliver Scheytt und Norbert Sievers über den »Kulturinfarkt« und Kulturpolitik

Herr Scheytt, Herr Sievers, die Kulturpolitische Gesellschaft steht in der Reformtradition der Neuen Kulturpolitik. Mit der Publikation »Der Kulturinfarkt« haben deren Autoren, einer davon ist Mitglied in ihrem Vorstand, radikale Reformvorschläge gemacht. Waren Sie froh darüber?

Oliver Scheytt: Ich hatte erwartet, dass das Buch radikale Vorschläge enthalten würde, da es ja in Diskussionsforen und Publikationen der Kulturpolitischen Gesellschaft von den Autoren schon entsprechende Äußerungen gab. Angefangen bei der Debatte 2009 im Bonner Haus der Geschichte zum Thema »Kultur trotz(t) Krise«, als Pius Knüsel forderte, dass wir die kulturelle Infrastruktur in Deutschland »aufräumen« sollten, über das Jahrbuch für Kulturpolitik 2010 bis hin zur Tagung in Loccum 2011, wo der Chef der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia schon die Halbierung der Kulturinfrastruktur vorgetragen hat. Ich war also »vorgewarnt« und habe mich auf das Buch gefreut in Erwartung fundierter Analysen und Vorschläge. Doch schon der Spiegel-Artikel und erst recht das Buch haben mich ziemlich aufgeregt, weil ich mit vielen Analysen und Thesen über weite Strecken nicht übereinstimme. Vor allem halte ich das »Gedankenexperiment« für verfehlt, die Hälfte der Kultureinrichtungen zu schließen, zumal die so eingesparten Mittel in meiner Meinung nach absurde Projekte wie »Jedem Kind ein Tablet-PC« fließen oder per Losverfahren oder Bürgerentscheide vergeben werden sollen, was ich für ebenso wenig sinnvoll halte.

Also war das Buch schädlich für die Kulturpolitik?

Oliver Scheytt: Das würde ich so wiederum nicht sagen. Der kulturpolitische Diskurs lebt auch von radikalen Positionen und Querdenkern, die uns in der Kulturpolitischen Gesellschaft immer wieder angeregt haben. Auch der »Kulturinfarkt« hat dieses Potenzial zu neuem Denken deutlich werden lassen. Unverständlich bleibt, warum die Autoren, auch wenn sie hier im Gewand von Polemikern auftreten, die Diskussionen und Fortschritte in Kulturpolitik und -praxis der letzten anderthalb Jahrzehnte einfach übergehen und sich selbst mit ihren Thesen in Frontstellung zu »der Kulturpolitik« sehen. So haben sie sich außerhalb eines Systems gestellt, dem sie selbst angehören. Dabei haben sie doch als kluge Autoren und Redner »die Kulturpolitik« in den letzten Jahren selbst permanent reflektiert und bereichert. Armin Klein war etwa schon vor dieser Publikation der erfolgreichste einschlägige Buchautor im Bereich des Kulturmanagements. Dieter Haselbach hat als Berater Veränderungen in der kulturpolitischen Praxis bewirkt. Pius Knüsel und Stephan Opitz haben in verantwortlichen Leitungspositionen exemplarisch gezeigt, wie Veränderungen erreicht werden können.

In diesem Jahr wäre der Mitgründer der KuPoGe
Alfons Spielhoff 100 Jahre alt geworden. Als  engagierter Dortmunder Kulturdezernent hat er Anfang der 1970er Jahre die dortige Oper schließen und sie durch ein multifunktionales Haus ersetzen wollen. Wie hätte er wohl die »Kulturinfarkt«-Debatte aufgenommen?

Norbert Sievers: Da ich ihn noch erlebt habe, behaupte ich: Er hätte sich in gewisser Weise gefreut, weil er sich in seiner Kritik bestätigt gesehen hätte. Er hätte sich über viele Thesen aber auch wahnsinnig geärgert.
Alfons Spielhoff hatte kein Problem damit, in Marktkategorien zu denken, und er war ein Meister der Zahlen, aber marktradikales Denken, wie es heute vielfach üblich ist, war ihm völlig fremd. Ich erinnere mich noch gut, wie er über Mäzene oder Stifter sprach. Mittel, die auf diese Weise der Kunst und Kultur zugute kamen, waren für ihn vorenthaltene Steuergelder. Vielleicht würde er das heute anders sehen. Alfons Spielhoff hatte seine Kritik an der Verteilung der öffentlichen Kulturmittel, aber nicht daran, dass der Staat Kulturpolitik gestaltet.

Was hatte er an der damaligen Kulturförderung in Deutschland auszusetzen?  

Norbert Sievers: Er wollte z. B. nicht verstehen, warum ein Lehrling 50 DM für ein Rockkonzert in der Westfalenhalle locker machen sollte, während der Studienrat für eine Opernaufführung nur 15 DM zahlen musste und der Rest der tatsächlichen Kosten aus Steuermitteln quasi erstattet wurde. Er hatte kein Verständnis dafür, dass die Opernhäuser in der Region zum x-ten Mal Operetten wie den »Vetter aus Dingsda« und »Gräfin Mariza« spielten und neue Opernwerke keine Chance bekamen. Alfons Spielhoff war kein Opern-Feind, wie er damals in der Öffentlichkeit dargestellt wurde. Die Kunstform Oper lag ihm am Herzen. Er wollte nur nicht unbedingt mehr davon, sondern bessere und neue. Er vergab Kompositionsaufträge für Opern. Er wollte eine Oper im Ruhrgebiet, genauer in Essen, eine Oper von Weltrang.

Das ist schon regional gedacht. Aber was sollte in Dortmund passieren?

Norbert Sievers: Dort sollte die Oper zu einem bürgernahen City-Kulturzentrum umgebaut werden, in dem es Konzerte geben kann, ganztägig geöffnete Kunstausstellungen, aber auch Filmveranstaltungen, Kabarett, Vorträge, Seminare und auch Cafeterien für zwanglose Kommunikation. Ein Veranstaltungshaus also, in dem U- und E-Kultur gleichermaßen vorkommen, auch Oper, allerdings ohne festes Ensemble. Die frei werdenden Mittel wollte er für Jugendmusikschulen, für Stadtteilbibliotheken, für mehr Kunst in Schulen und Kindergärten ausgeben. Daneben wollte er Neues fördern, Kultur in die Stadtteile bringen, die Bildenden Künstler und den Jazz fördern, der ja damals noch als »Negermusik« verunglimpft wurde. Er war es, der den Jazz in Dortmund in die Oper gebracht hat, auch wenn es nur das Foyer war. Ein Veranstaltungsformat, das es übrigens heute noch gibt. Leider ist das City-Kulturhaus meines Wissens in dieser Form nie verwirklicht worden, nicht in Dortmund und auch anderswo nicht; vielleicht in den Niederlanden.

Diese Argumentation erinnert an den »Kulturinfarkt«.

Norbert Sievers: Es gibt Parallelen. Alfons Spielhoff wollte umverteilen und er wusste warum. Er schätze damals den Anteil der Opernbesucher an der Dortmunder Bevölkerung auf 4 Prozent. Diese Zahl gilt auch heute noch, wie wir inzwischen aus Umfragen wissen. Für Alfons Spielhoff war das ein Problem der gerechten Verteilung. Aber nicht nur das. Als Realist und demokratischer Sozialist mit hohem gesellschaftspolitischem Verantwortungssinn hat er damals schon weitergedacht. Von ihm stammt die Formel »Kulturpolitik ist Gesellschaftspolitik« und die hat er normativ, aber auch sehr nüchtern interpretiert. Er wusste: Wenn das öffentliche Kulturangebot nicht allen Menschen offensteht, wenn Kinder und Jugendliche keine Kulturelle Bildung erfahren, dürften auch die Oper bzw. die Einrichtungen der Hochkultur perspektivisch immer weniger Publikum finden.

Für die Infarkt-Autoren ist diese »Neue Kulturpolitik« Wirklichkeit geworden und zugleich gescheitert.

Oliver Scheytt: Man muss genau hinsehen. Selbstverständlich hat sich vieles zum Positiven verändert: Das kulturelle Angebot ist gegenüber den 1970er Jahren erheblich vielfältiger und auch qualitativ besser geworden. Das bestreiten die Infarkt-Autoren auch gar nicht. Ihr Problem ist, wenn ich es recht sehe, dass »Kultur für alle« damit nicht eingelöst werden konnte, dass es – sozialstrukturell gesehen – immer die Gleichen sind, die erreicht werden, und dass die kulturelle Infrastruktur an ihrer Fülle erstickt und nicht mehr offen für neue Entwicklungen ist.

Wie stehen Sie dazu?

Oliver Scheytt: Das Schlagwort »Kultur für alle« ist die geläufige Kurzfassung für den Anspruch, kulturelle Teilhabe zu ermöglichen. So wie »Kultur von allen« für das Leitmotiv »Kulturelle Vielfalt« steht. Diese im Zeichen der »Neuen Kulturpolitik« propagierten Aufträge müssen angesichts des gesellschaftlichen Wandels neu reflektiert und interpretiert werden. Uns ist heute anders als vor vier Jahrzehnten bewusst, dass nicht nur der Staat, sondern auch die Zivilgesellschaft und die Kulturwirtschaft kulturpolitisch mit ihren Akteuren und Aktivitäten mitzudenken sind. Kulturelle Teilhabe aller ist keine Realität, sondern ein ewiger Auftrag, der immer wieder neu zu erfüllen ist. Kulturelle Vielfalt ist Realität, die indes nicht in einer Förderung all dessen, was förderwürdig wäre, eingelöst wird und eingelöst werden kann. Eine aktivierende Kulturpolitik bedenkt diesen Kontext mit. Merkwürdigerweise wird im »Kulturinfarkt« der »Kulturstaat« als bürokratisches Monstrum dargestellt, dem man mit dem »Markt« und seinen Gesetzen beikommen sollte. So sieht weder die Realität aus, noch lassen sich so einfach die beiden von den Autoren ja nicht infrage gestellten kulturpolitischen Auftragslagen kultureller Vielfalt und Teilhabe einlösen.

Die Kulturinfarkt-Autoren bezweifeln die Wirkung der Kulturellen Bildung …

Oliver Scheytt: … und übertreiben dabei maßlos. Sie behaupten, 90 Prozent der Menschen seien kulturell desinteressiert. Woher haben sie so eine Zahl? Außerdem geht es bei Kultureller Bildung beileibe nicht darum, jemandem »etwas einzuimpfen«. Gemessen an den großen Zielen ist die Teilhabe an den öffentlichen Kulturangeboten allerdings nicht signifikant gestiegen und somit längst nicht zufriedenstellend. Doch wir haben in den letzten Jahren bundesweit einen ganz deutlichen Zuwachs in der Aufmerksamkeit und Finanzierung der Kulturellen Bildung erreicht. So viele Programme, nachhaltige Initiativen und strukturelle Verbesserungen hat es kaum je zuvor gegeben. Doch davon ist im Kulturinfarkt ebenso wenig zu lesen wie von der bedeutenden Rolle der Zivilgesellschaft und den neuen Ansätzen in der strukturellen Förderung der Kulturwirtschaft.

Was ist denn Ihrer Meinung nach das Charakteristikum der Neuen Kulturpolitik?

Norbert Sievers: Die Neue Kulturpolitik war ein vielschichtiges Programm, das sich entwickelt hat, und keines mit eindeutiger Autorenschaft und klarem Autoritätsanspruch. Selbst die von den Infarktautoren an mehreren Stellen gegeißelte »Erziehung des Menschengeschlechts«, die diesem Programm als Anspruch innewohne, ist nicht ihr zentrales Leitmotiv, es sind die Ideen der Teilhabegerechtigkeit und der Kulturellen Demokratie. Es ging dabei, wenn ich es richtig verstanden habe, um mehr kulturelle Selbstbestimmung und nicht nur um mehr Kulturvermittlung als Pädagogik. Vor allem Hermann Glaser hat dafür die theoretischen und programmatischen Begründungen geliefert, z.B. mit seiner Spielraumtheorie.

Die besagt?

Norbert Sievers: Für Hermann Glaser bedeutet Demo­kra­ti­sie­rung von Kultur ihre »›Bereitstellung‹ als Spielraum«. Er wollte Kultur kommunikativ ›verflüssigen‹, damit sie in die »Poren aller Lebensbereiche« eindringen kann. Sie war für ihn keine »Walhalla, der man sich devot zu nähern hätte«, sondern eine alltägliche Angelegenheit. Er sprach deshalb auch von »aleatorischer«, also einer aufgelockerten, spielerischen und offenen Kulturpolitik, die diesem Kulturverständnis Räume, Impulse, Gelegenheiten und Themen gibt. Da ist nichts zu spüren von einem autoritären Kulturstaat, der die Menschen an die Leine der kulturellen Erziehung nehmen will. Diese Sichtweise gehört zum programmatischen Kern der Neuen Kulturpolitik. Sie ist also keineswegs auf ein Zulieferprogramm für die Hochkultur zu reduzieren, wie die Infarktautoren es zuspitzen. Die Kulturpädagogik, die sich heute in missverständlicher Weise leider Kulturvermittlung nennt, die Soziokultur und auch ein bestimmtes Verständnis von Kultureller Bildung gründen auf diesen Ideen.

Aber ist denn dieses Verständnis von Kulturpolitik Realität geworden?

Norbert Sievers: Sicherlich nicht in dem Sinne, wie Hermann Glaser es sich vorgestellt hat. Aber es gibt Ansätze. Nehmen Sie die 500 Soziokulturellen Zentren, nehmen Sie die 400 Jugendkunstschulen, nehmen Sie die vielfältige Projektelandschaft, die nicht zuletzt der Fonds Soziokultur unterstützt. Hier geht es doch um Einrichtungen und Formate, die eines verbindet: Sie sind der Versuch, die (spartenbezogene) Segmentierung und die (qualitätsorientierte) Hierarchisierungslogik der traditionellen Kulturpolitik zu durchbrechen. In ihrer Gesamtheit stellen sie so etwas wie intermediäre Zwischenzonen dar, in denen Kulturvermittlung nicht nur im transitiven Sinn als Kulturerziehung stattfindet, sondern auch reflexiv als selbst bestimmte kulturelle Praxis sich entwickeln kann. Auf diese Weise sollten Kunst und Kultur als Kommunikationsmedien mit der Gesellschaft verbunden oder ›vermittelt‹ werden. Die Neue Kulturpolitik wollte diese Ansätze unterstützen und eine Balance zwischen diesen Optionen herstellen. Das ist auch heute noch ihr systemischer Auftrag.

Wollte? Hat sie nicht?  

Norbert Sievers: Ja und nein. Ja, weil es mittlerweile viele Einrichtungen dieser Art gibt, die auch unterstützt werden. Nein, weil die meisten der hier gemeinten neuen Einrichtungen und Formate der Kulturproduktion und -vermittlung, die im Kontext der Neuen Kulturpolitik in den letzten 30 Jahren entstanden sind, nicht ausreichend finanziert sind und ihre Akteure sich großenteils in einer sozial prekären Lage befinden. Das betrifft die so genannte OFF-Kultur ebenso wie die Soziokultur bis hin zu den neuen Einrichtungen der Kulturellen Bildung. Dies bedeutet auch, dass eine ganze Akteursgeneration (vor allem jene, aus der die neuen sozialen Bewegungen hervorgegangen sind) hinten anstehen müssen, weil die Theater, die Museen, Konzerthäuser und Bibliotheken den Löwenanteil der Kulturetats für sich in Anspruch nehmen. Für die jetzt junge Generation sieht es noch schlimmer aus. Sie hätte gar keine Chance mehr, ihre kulturellen Interessen im Kanon der öffentlich geförderten Infrastruktur repräsentiert zu sehen, wenn sie denn Ansprüche anmelden würde. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Das Ergebnis der Neuen Kulturpolitik darf für die Akteure, die ihr Programm umgesetzt haben, nicht Altersarmut bedeuten. Das sollten auch diejenigen Parteien, die sich für diese neuen kulturellen Formate dankenswerterweise stark gemacht haben, bedenken.

Noch einmal nachgefragt: Wo haben die Infarkt-Autoren nachvollziehbar argumentiert?

Oliver Scheytt: Wenn man die Argumentation von ihrer überzogenen Polemik befreit, gibt es doch einige Thesen, die ernsthaft zu diskutieren sind und die wir auch in der Kulturpolitischen Gesellschaft angesprochen haben. Nehmen wir etwa die Angebotsorientierung der Kulturpolitik. Wir haben schon vor zehn Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass es in der Kulturpolitik nicht primär darum gehen kann, immer mehr Hüllen zu bauen, sondern auch um die Frage, wie man diese Hüllen auf Dauer mit qualitätsvoller Kunst und Kultur füllen kann. Hier gibt es immer wieder Missverhältnisse, denen entgegengewirkt werden muss. Mit unserem Kongress zum Kulturpublikum im Jahr 2005 haben wir ein Umsteuern von der Angebots- zur Nachfrageorientierung eingefordert. Und ich mache immer wieder darauf aufmerksam, dass wir neues Publikum weniger mit einem permanenten Wachstum des Angebots an Spielstätten, Produktionen oder Wechselausstellungen erreichen als vielmehr durch eine bessere Vermittlung und ein qualifiziertes Marketing.

Also doch zu viel des Guten? Brauchen wir keine neuen Kulturangebote mehr?

Oliver Scheytt: Das kann man so nicht sagen. Selbstverständlich brauchen wir auch heute noch neue Kultureinrichtungen und -programme. Es gibt dafür auch die Nachfrage, aber eben nicht überall. Wir müssen genauer hinsehen und den Bedarf realistisch kalkulieren. Das ist nicht immer geschehen, weil der Kultur auch zu viel zugetraut wurde. Sie sollte und soll ja für alles herhalten, für eine gedeihliche Stadtentwicklung, für den Kulturtourismus, für die Kreativwirtschaft etc. Fast in jedem Politikbereich hat man ihr nützliche Wirkungen zugetraut. Da war und ist viel Spekulation im Spiel, die nicht kritisch genug befragt wurde. Wer mäkelt schon herum, wenn es die Möglichkeit gibt, mit externem (oft europäischem) Geld neue Projekte zu verwirklichen? Die Kulturnachfrage kümmert sich aber nicht um diese Finanzierungslogiken. Hier geht es dann immer wieder um die Frage, gibt es wirklich das Publikum, um diese Einrichtungen zu füllen, und diese Frage beantwortet der Markt. Darauf wollten wir den Blick lenken.

Nun war diese Intervention – wie Hermann Glaser sagen würde – »durchschlagend wirkungslos«, wenn man sie mit der Aufregung und den Reaktionen vergleicht, die der Kulturinfarkt ausgelöst hat. Wie erklären Sie sich das?

Oliver Scheytt: Man muss den Autoren zugute halten, dass sie die kulturpolitische Debatte mächtig angefacht haben. Das ist grundsätzlich erst einmal positiv. Aber ob damit schon im beabsichtigten Sinn Wirkung erzeugt wird, ist eine ganz andere Frage. Aus meiner Sicht verändert man eine Politik nicht, indem man ihre Promotoren und Akteure beschimpft und ihr Anliegen grundsätzlich in Frage stellt. Das provoziert nur entsprechende Gegenreaktionen, die wir ja auch erlebt haben. Die Empörung über das Buch ist letztlich verständlich, weil die Thesen, die darin formuliert sind, in ihrer polemischen Zuspitzung eine sachliche Auseinandersetzung sehr erschweren. Hinzu kommt ein Gestus der »Belehrung«, die kaum Selbstzweifel zu kennen scheint. Politik lebt jedoch am Ende vom Dialog und braucht Konsens.

Sehen Sie für ein Gespräch noch eine Chance?

Oliver Scheytt: In unserer Vorstandssitzung Anfang Mai 2012 haben wir im Beisein von Armin Klein ein klares Votum formuliert: Wir wollen die angefachte öffentliche kulturpolitische Debatte aufgreifen. Selten hatte Kulturpolitik eine solche allgemeine Aufmerksamkeit. Wir müssen ja auch angesichts der exorbitanten Finanzkrise tragfähige Argumentationen entwickeln und uns notwendigerweise über kluge Veränderungen in der kulturellen Infrastruktur verständigen. Unser neues Grundsatzprogramm, das wir im September 2012 bei unserer Mitgliederversammlung in Berlin verabschieden wollen, soll uns dabei den Weg weisen. Aber wir brauchen dafür natürlich auch überzeugende Sachargumente.

Vermissen Sie Sachargumente in dem Buch?

Norbert Sievers: Nicht in dem Sinne, dass es nicht sachliche Argumente geben würde, aber durchaus insofern, als mit den Fakten z. T. sehr großzügig umgegangen wird, wie Bernd Wagner in seinem Beitrag in diesem Heft dezidiert nachweist, und die dann in einem Argumentationskontext gestellt werden, der grundsätzlich problematisch ist, weil er auch als Versuch gelesen werden kann, die Legitimation öffentlicher Kulturpolitik insgesamt in Frage zu stellen. Das können wir natürlich nicht unkommentiert lassen.

Können Sie das konkretisieren?

Norbert Sievers: Nehmen wir die Neue Kulturpolitik, die die Autoren insbesondere in den Fokus ihrer Kritik genommen haben. Die »Kultur für alle«-Politik wird da als vergebliches Bemühen, als gescheiterter Versuch der bürgerlichen Klasse diskreditiert, ihr autoritäres kulturelles Erziehungsprogramm umzusetzen. Vielfalt sei kein Ergebnis der Kulturförderung, weil sie  eher zur Konformität führe. Lediglich zum »planlosen«, alle Wünsche addierenden Ausbau der kulturellen Infrastruktur habe die Neue Kulturpolitik getaugt, die die Autoren als »letzte Offensive des vordemokratischen Modells des Kunstbürgers« interpretieren, dessen »ästhetisches Projekt« von »Anfang an« im Widerspruch zum demokratischen Projekt des »mündigen, selbstbestimmten Bürgers« gestanden habe. Kulturpolitik wird also im Ernst als antidemokratisches Unternehmen dargestellt, das ein Kunstsystem fördert, das »gnadenlose Anpassung« fordert oder »gnadenlos« ausgrenzt und ansonsten nur eines will: mehr Geld. Selbst der Versuch, »die kommunale Kulturförderung aus der Freiwilligkeit in die Pflichtigkeit zu überführen«, wird mit der vermutlichen Folge einer »inhaltlichen Kulturdiktatur« in Verbindung gebracht. Das ist – mit Verlaub – indiskutabel und stößt diejenigen, die sich an dem – ich behaupte: demokratischen – Projekt der Neuen Kulturpolitik beteiligt haben, vor den Kopf.

Aber bedurfte es nicht dieser Zuspitzung, um eine öffentliche Reaktion zu bewirken, die zum Beispiel die Kulturpolitische Gesellschaft mit ihren Tagungen nicht erreicht?

Norbert Sievers: Um Veränderungsprozesse einzuleiten sind Zuspitzungen sicherlich manchmal hilfreich. Aber danach brauchen wir dann eine Argumentationsbasis, auf der eine Verständigung möglich wird. Aber diese Basis wird nicht hergestellt, sondern eher destruiert. Nehmen wir das Verhältnis von Markt und Staat, wie es im Buch dargestellt wird. Der Kontrast, den die Autoren hier sehen, könnte nicht schärfer sein. Hier der Kulturstaat: die Autoritäten stützend, Freiheit lähmend, Engagement zersetzend, kriterienlos entscheidend, planlos handelnd, Entwicklung verhindernd, Geld verschleudernd. Dort der Kulturmarkt, zu dem den Autoren auf 282 Seiten kein Wort der Kritik einfällt: Freiheit verbürgend, effizient arbeitend, Vielfalt ermöglichend, Ressourcen freisetzend und vor allem jene Menschen zu ihrem Kulturrecht verhelfend, die bislang dem staatsautoritären kulturellen Erziehungsprogramm ausgeliefert waren – die Konsumenten, die unter Marktbedingungen endlich frei entscheiden können und kraft eigener ästhetischer Urteilsfähigkeit Werturteile fällen und die Inhalte der Kulturproduktion bestimmen. Endlich kulturelle Demokratie, endlich freie Gesellschaft ohne Staat soll wohl die Botschaft sein. Wen wundert es da, wenn die Rezepte für die Kulturpolitik entsprechend ausfallen. Der Staat müsse die Kulturinstitutionen aus der Umarmung befreien, in die Freiheit entlassen, »desintegrieren« sozusagen.

Ist das so falsch?

Oliver Scheytt: Es ist falsch, dass die Autoren Bund, Länder und Kommunen als »Kulturstaat« im autoritären Gewand verstehen. Auf kommunaler Ebene sind es doch die ehrenamtlichen Rats- und Kreistagsmitglieder, die die Entscheidungsmacht haben. Eine Vielzahl von Kultureinrichtungen wird von Vereinen oder Stiftungen getragen. Alle drei Sektoren (Staat, Markt, Zivilgesellschaft) sind vielfach miteinander verwoben und aufeinander angewiesen. Dementsprechend brauchen wir ein Leitbild, das den Staat nicht als »Kulturhoheit« sieht, was spätestens seit dem anderthalb Jahrzehnte alten Bonmot von Michael Naumann »Kulturhoheit ist Verfassungsfolklore« jedem Kulturpolitiker bewusst ist. Die Autoren bekämpfen also eine veraltete Attitüde ohne Alternativvorschlag. Demgegenüber setze ich mich für das Leitbild einer »aktivierenden Kulturpolitik« ein, dem auch die von den Autoren in ihrer Bedeutung und Wirkung völlig unterschätzte Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages gefolgt ist.

Was bedeutet für Sie »aktivierende Kulturpolitik«?

Oliver Scheytt: Sie ist gesellschaftspolitisch zu verstehen. Im Kulturstaat Deutschland muss auf allen Ebenen und in allen Institutionen immer wieder der gesellschaftliche Kontext reflektiert werden, in dem wir Kulturpolitik gestalten. So wird uns eine Reihe von Herausforderungen bewusst. Als erstes Beispiel möchte ich die demografische Entwicklung ansprechen: das Schrumpfen der Bevölkerung, die Zunahme von Menschen mit Migrationshintergrund, der Alterungsprozess der Gesellschaft. Die Digitalisierung ist ein weiteres großes Thema. Die Finanzsituation der öffentlichen Hand ist ein generelles Problem. Und uns sollte die sozioökonomische Situation im Allgemeinen und von Kreativen im Besonderen bewusst sein. Diese Entwicklungen müssen bei der Gestaltung der Kulturpolitik vorausschauend bedacht werden. Wir brauchen kulturpolitische Konzepte, die auf einen permanenten Wandel der kulturellen Infrastruktur abzielen. Das bedeutet mehr Kulturpolitik und nicht weniger. Dabei wissen wir, dass der Staat Kulturpolitik nicht alleine entwerfen und umsetzen kann. Er wirkt in die Zivilgesellschaft und die Kulturwirtschaft hinein, gestaltet Rahmenbedingungen mit. Und die kulturelle Infrastruktur lebt vom Wechselspiel aller drei Sektoren. Auf dieser Erkenntnis beruht das Leitbild der »aktivierenden Kulturpolitik«.

Die Kulturpolitische Gesellschaft will im Spätsommer 2012 ein neues Grundsatzprogramm verabschieden. Wird darin die Gesellschaftspolitik noch eine Rolle spielen?

Oliver Scheytt: Ja, selbstverständlich. In dem Programmentwurf ist diese Grundüberzeugung sogar noch klarer formuliert worden. Wir sehen Kulturpolitik nach wie vor im Kontext der gesellschaftlichen Entwicklung. Unsere Programmatik basiert auf gesellschaftspolitischen Grundüberzeugungen, in der die Freiheit der Kunst, die Vielfalt der Kulturen und die Teilhabegerechtigkeit aller Menschen nach wie vor die tragenden Eckpfeiler sind.

Hat sich die  Kultur-Infarkt-Debatte auf die Programmdiskussion ausgewirkt?

Oliver Scheytt: Unser neues Programm diskutieren wir schon seit über einem Jahr, also viel länger, als es das Buch gibt. Selbstverständlich werden dieselben Themen berührt, wie z.B. Publikum, Digitalisierung oder auch die neue Rolle des Marktes. Doch diese schätzen wir sehr viel kritischer ein als die Infarkt-Autoren und empfehlen auch keine stärkere Orientierung am Massengeschmack. Es gibt in der Kulturpolitik nach wie vor eine immanente Hierarchisierungslogik. Es gibt auch unterschiedliche Qualitätsniveaus. Sie zu leugnen wäre kulturpolitisch unsinnig und würde diesem Politikbereich letztlich einen Teil seiner Legitimation entziehen. Wir brauchen öffentliche Schutzräume für Kunst und Kultur, die den Marktmechanismen entzogen sind. Das gehört zum Auftrag öffentlicher Kulturpolitik. Die Frage ist nur, wie viele Schutzräume wir brauchen und ob damit nicht auch Prozesse der Exklusion in Kauf genommen oder sogar befördert werden. Das ist eine alte Frage der Kulturpolitik, die stets neu verhandelt werden muss.

Ist dieser öffentliche Auftrag heute noch so wichtig? Ist es den jüngeren Kulturnutzern heute nicht ohnehin egal, ob ein Theater öffentlich oder privat betrieben wird? Aus Sicht der Nutzer gibt es doch nur einen großen Markt der Möglichkeiten, den sie nutzen oder eben nicht.

Norbert Sievers: Das ist wohl so. Aber darf der Kulturpolitik dies egal sein? Brauchen wir in der demokratischen Gesellschaft vor allem auf lokaler Ebene nicht öffentliche Kulturräume, die ihren Wert und ihre Bedeutung eben nicht nur darin haben, dass darin Kultur stattfindet, sondern auch darin, dass es öffentliche Räume sind, zugänglich für alle? In der Demokratie darf uns dies nicht egal sein. Deshalb sagen wir doch schon seit Langem, dass die Kulturetats für neue Entwicklungen und Interessen offen bleiben müssen, nicht zuletzt für eine interkulturelle Kulturpolitik. Das hat mit Anbiederung und Gutmenschentum nichts zu tun. Wir können es uns schlicht nicht leisten, immer mehr Menschen mit ihren kulturellen Interessen strukturell auszuschließen, weil es in den Kulturetats keine Spielräume mehr gibt.

Das klingt nach einer Umverteilung, wie die Infarkt-Autoren sie auch gefordert haben.

Oliver Scheytt: Wir müssen keine Umverteilungsdebatte fordern, denn die haben wir schon. Umverteilung findet statt und zwar nicht in erster Linie zwischen Einrichtungen der Hoch- und Breitenkultur, sondern vor allem innerhalb der Einrichtungen zu Lasten der Programme und des künstlerischen Personals, also denjenigen Aktivposten, die uns am wichtigsten sind. In den Sonntagsreden loben wir die kreativen Akteure in den Himmel und im Alltag werden sie erbärmlich schlecht bezahlt. So stellen wir uns eine Kulturgesellschaft der Zukunft nicht vor. Hier gibt es Korrekturbedarf. Da haben die Infarktautoren recht: Die Kultureinrichtungen müssen auskömmlich finanziert und die Künstler anständig bezahlt werden. Um dieses Ziel zu erreichen, kann es im Einzelfall auch erforderlich sein, eine Einrichtung zu schließen oder zumindest völlig neu auszurichten.

Das sind neue Töne in der Kulturpolitik. Der Deutsche Kulturrat hat gerade eine Rote Liste der bedrohten Kulturenrichtungen vorgestellt. Darauf wären dann wohl auch die zu schließenden Einrichtungen zu finden.

Oliver Scheytt: Der Deutsche Kulturrat ist ein Lobbyverband der Kultur. Es ist seine Aufgabe, sich für die Kultureinrichtungen und die Interessen der Künstlerinnen und Künstler einzusetzen. Dafür haben wir ihn seinerzeit auch mit gegründet. Wir sind eine Kulturpolitische Gesellschaft, die Kulturpolitik in ihrem gesellschaftspolitischen Zusammenhang sieht. Das bedeutet unter anderem, die Dinge auch in ihrer Verhältnismäßigkeit zu sehen. Jeder bedrohten Einrichtung stehen gegenwärtig natürlich auch neu entstehende Institutionen gegenüber. Alleine die Elbphilharmonie in Hamburg würde ohne Weiteres finanziell die Kosten für die Einrichtungen, die der Kulturrat aufgeführt hat, aufwiegen. Niemand kann doch allen Ernstes davon ausgehen, dass alle Kultureinrichtungen Ewigkeitswert haben. Dies zeigt: Kulturpolitik ist nicht identisch mit Interessenpolitik.

Wird der »Kulturinfarkt« die kulturpolitische Debatte auch in Zukunft auf die eine oder andere Weise beeinflussen? Oder anders ausgedrückt: Wird es auch in Zukunft »Gedankenexperimen­te« geben (können)?

Oliver Scheytt: Der »Kulturinfarkt« wird sich als Begriff sicherlich eine Zeit lang halten und als Synonym für alles Mögliche herhalten müssen, was in der Kulturpolitik falsch läuft. Wenn er dabei ein Weckruf bleibt, sollte uns das nur recht sein. Wir haben allen Grund, in der Kulturpolitik aufmerksam zu sein und mit wachem Kopf die Entwicklungen zu verfolgen und zu gestalten. »Gedan­ken­experimente« sind dabei willkommen und notwendig. Doch es ist auch eine Frage politischer Kultur, ob wir Akteure mit unseren kulturpolitischen Gedanken letztlich nur vor den Kopf stoßen oder zu einer fundierten Diskussion einladen. Als Kulturpolitische Gesellschaft stehen wir für einen kulturpolitischen Diskurs, der auf Beteiligung setzt. Es steht zu befürchten, dass die Türen derer, die hier anzusprechen wären, durch den »Kulturinfarkt« erst einmal vernagelt sind. Vielleicht gelingt es uns ja, sie wieder mehr als einen Spalt zu öffnen. Im Übrigen können wir Polemiken gut vertragen. Doch diese sollten das Vorfeld eines tragfähigen Konsenses sein. Ich bin überzeugt davon, dass Kulturpolitik einen Beitrag zur Therapie unserer Gesellschaft leisten kann. Diese sehe ich dabei keineswegs in der Rolle eines notleidenden Patienten. Doch eins ist klar: Ohne Leidensfähigkeit lässt sich Kulturpolitik kaum erfolgreich betreiben.

Ich bedanke mich für das Gespräch!

(Die Fragen stellte Wolfgang Hippe)

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2 Gedanken zu “Das Öffentliche darf in der Demokratie nicht egal sein!

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