Vom Infarkt zum Schlaganfall zur Apokalypse – drunter geht’s nicht

Von Muchtar Al Ghusain

Ein Streifzug durch den Blätterwald

»Was wäre, wenn die Hälfte der Theater und Museen verschwände, einige Archive zusammengelegt und Konzertbühnen privatisiert würden? 3200 statt 6300 Museen, 70 staatliche und städtische Bühnen statt 140, 4000 Bibliotheken statt fast 8200 – wäre das die Apokalypse? […] die Halbierung würde zwei der knapp zehn Milliarden Euro öffentlicher Kuturförderung in Deutschland freisetzen.« Mit den zwei Mrd. Euro sollten die verbleibenden Einrichtungen (»Qualität kostet«), die Laienkultur (ihre Strukturen, nicht die Produkte), die Kulturindustrie („Kunst als Ware“), die kulturelle Bildung (»Jedem Kind einen Tablet-Computer«) und die Kunsthochschulen (»Ausbau zu Produktionszentren«) verstärkt gefördert werden. Soweit in Kürze einige Hauptthesen des kulturpolitischen Aufregers des Jahres 2012. Als das Buch vom Kulturinfarkt Mitte März 2012 das Feuilleton und die Kulturszene geflutet hat, gepusht durch einen Vorabdruck im Spiegel (Nr. 11/2012), wollte ich natürlich nicht zögern und mir das Büchlein mit seinen 280 Seiten mal eben schnell durchlesen – auch ich wurde schließlich sofort von mehreren Medienvertretern um Stellungnahme gebeten und wollte da nicht ohne Meinung sein. Da ich mir sicher war, dass die ganze Aufregung vor allem auch im aggressiven Marketing des Verlags ihre Ursache hat, wollte ich nicht zur Umsatzsteigerung beitragen und habe es mir zunächst ausgeliehen. Als ich mich schließlich durch das Buch gekämpft hatte (diese endlosen Wiederholungen, dieser penetrante neoliberale Jargon!), habe ich es mir dann doch noch selber gekauft, erstens, weil ich schon schlechtere Bücher gekauft und gelesen habe und zweitens, weil ich – was ich selten tue – diverse Stellen gerne mit Rotstift kennzeichnen wollte. So eine Lust hatte ich, den Autoren mal richtig eins zu geben. Dabei sind das doch eigentlich kluge Leute, aber auf einmal irgendwie komplett durchgeknallt.

Nun, interessanter als das Buch und seine Thesen (wer hat so was in seiner Jugend nicht so oder ähnlich selbst schon mal formuliert?) sind die Reaktionen, die es ausgelöst hat, vor allem die schiere Fülle. Wann hat es je so viele Reaktionen auf eine kulturpolitische Meinungsäußerung gegeben? Zunächst faszinierte, wie schnell die ersten Reaktionen erfolgten. Bereits wenige Stunden nach Erscheinen des Vorabdrucks im Spiegel reagierte der Deutsche Kulturrat mit einer Presseerklärung; dagegen sind die Buchautoren allerdings prompt juristisch vorgegangen. Der Deutsche Kulturrat in seiner Unterlassungserklärung vom 22. März 2012: »Wir hatten in unserer Stellungnahme zu dem Spiegel-Artikel „Die Hälfte?« behauptet, die Autoren forderten 50% weniger für die Kultur. Diese Behauptung dürfen und werden wir nicht mehr aufstellen, denn in Wahrheit wollen die Autoren nicht den Kulturetat um 50% kürzen, sondern jede zweite mit öffentlichen Mitteln finanzierte Kultureinrichtung in Deutschland schließen.«

Andere Reaktionen folgten. Raten Sie, wer als nächstes kam? Richtig: der deutsche Bühnenverein, die »Gewerkschaft der Intendanten«: »Wer zudem glaubt, eine Stadt, die ihr Theater schließt, gäbe einen Teil der frei gewordenen Zuschüsse an das Theater der Nachbarstadt, der kann auch gleich den Vorschlag machen, den FC Schalke 04 aufzulösen, um mit dem ersparten Geld Borussia Dortmund mit zu finanzieren.« Spätestens mit diesem Vergleich wird sich der Deutsche Bühnenverein in die Herzen der deutschen Fußballfans – zumindest der Dortmunder – geschrieben haben. Da tauchen ganz neue Public-private-Partnership-Modelle am Horizont auf. »Geht doch«, würden darauf wiederum die Autoren der kleinen Streitschrift antworten.

Eine Woche nach dem Vorabdruck folgte im nächsten Spiegel (Nr. 12/2012) eine staatstragende Replik von André Schmitz, Staatssekretär für Kultur in Berlin: »Wer also davon spricht, dass man getrost die Hälfte unserer Theater, Opernhäuser und Museen dichtmachen könnte, versündigt sich nicht nur am Kulturstaat, er ist obendrein ein schlechter Patriot.« Und weiter: »Deshalb ist ein Mehr für die Kultur gerade in Krisenzeiten ein nützliches Konjunkturpaket. Wenn es etwas gibt, das wir uns sparen sollten, dann sind das Kulturhalbierer.« Na, das is aber ruppig.

Anspruchsvoller und zugleich unterhaltsamer waren da doch die Formulierungskünste der Feuilletonisten: »Irgendwie ist das selbst Kultur, vielleicht Kunst.« (Thomas E. Schmidt, Die Zeit vom 22. März 2012). Das bringt mich auf eine Idee: Man sollte das Buch gleich selber als Theaterstück herausbringen, szenische Lesung, aufgeführt vielleicht von Rimini Protokoll, den Großmeistern des Dokumentartheaters.

Mein persönlicher Favorit im dicken Pressespiegel ist der Beitrag von Niklas Maak in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 15. März 2012: »Werk eines Clubs ergrauter Kulturfunktionäre, die noch einmal die rhetorische Harley rausholen und mit mattem Thesenknattern um den eigenen Block fahren wollen.« Und weiter: »Was die Autoren des ›Kulturinfarkts‹ vor allem vorführen, ist die Verwüstung, die marktorientiertes Denken in der Sprache anrichtet … In einem Land, in dem solche Sätze geschrieben werden, kann es gar nicht genug Subventionen für Theater und Literaturfestivals geben.« Lieber Herr Maak: In einem Land, in dem so herrlich-bissige Rezensionen geschrieben werden, darf es sogar noch mehr Bücher wie den Kulturinfarkt geben – denn: ohne Buch keine Rezension.

Nicht minder vergnüglich formuliert Kerstin Decker in der taz vom 21. März 2012: »›Wenn das System den ganzen Tag auf der Couch sitzt und sich an den Subventionen vollfrisst, dann ist Bewegungslosigkeit da.‹ So muss man das erst einmal formulieren können! Klingt wie Schlaganfallprosa, ist aber der Versuch eines deutschen Professors, den Titel seines Buches zu erklären. Der Akademiker ringt nach Worten. Das System flegelt da also auf dem Sofa – ›nur rumsitzen und nichts zu tun‹ – und nun geschehe genau das, was die Medizin bereits so gut erforscht habe. Es verfettet. Folge: Infarkt. Kulturinfarkt. So seien sie, zu viert, auf den Titel gekommen. Das Buch ›Der Kulturinfarkt: Von allem zu viel und überall das Gleiche‹ ist bedauerlicherweise am Dienstag erschienen. Diesem Versehen hätte eine Beisetzung in aller Stille folgen können, wenn der Spiegel den Blindgänger nicht per Vorabdruck gezündet hätte.«

Jetzt aber Spaß beiseite und ein Schwenk zu den Theatermachern. Ganze 14 Seiten (vierzehn!) widmet die Zeitschrift »Theater der Zeit« dem Buch in ihrer Ausgabe vom Mai 2012. 21 Intendanten und Dramaturgen kommen zu Wort und formulieren teilweise auch besonnen und klug: »Unsere Gesellschaft ist keineswegs arm, und trotzdem wird uns suggeriert, dass uns Opernhäuser, Theater, Musikschulen und Bibliotheken ruinieren werden!« (Gunnar Decker). »Auf dem Umschlag von ›Der Kulturinfarkt‹ steht: ›Von allem zu viel und überall das Gleiche‹. Diese Analyse hat mich ehrlich gesagt bestürzt. Sie trifft für mich gerade nicht auf die Künste zu, sondern eher auf die Produkte der Marktwirtschaft … Was am Markt bestehen soll, muss für die größtmögliche Nachfrage designt werden. Ich finde die Vorstellung beängstigend, dass nun auch die Künste dazu verurteilt werden. Die Politik ist eine bessere Herberge für die Künste als die freie Marktwirtschaft.« (Johan Simons, Intendant der Münchner Kammerspiele)

Oliver Reese, Intendant am Schauspiel Frankfurt, formuliert in der Frankfurter Rundschau vom 21. März 2012: »Wenn man das Buch gelesen hat, merkt man woran es krankt: Es hat keine Persönlichkeit, kein Herz… Alles ist in einem kalt fordernden, robespierrehaften Ton geschrieben in Vorfreude auf das Blut, das die Guillotine heruntertropft. Es tropft aber nicht.« In der Tat: nirgends in diesem Buch klingt Liebe und Engagement für die Künste und ihre Werke durch. Ist es nicht ein Glück, dass man in Greifswald »The Rake‘s progress« von Igor Strawinsky hören kann und in Passau »Don Carlos« von Friedrich Schiller? Dass man in Würzburg Bilder von Bridget Riley sehen kann, in Darmstadt Arbeiten von Joseph Beuys?

Was mich an diesem Buch nervt ist seine Wichtigtuerei. Kultur ist nur ein Teil unserer Gesellschaft. Reformnotwendigkeiten gibt es überall, sei es in der Umweltpolitik, im Gesundheitswesen, in der Bildungspolitik. Allein das aktuell kontrovers diskutierte Betreuungsgeld, die Pendlerpauschale,  die Hotelsteuer, der Euro-Rettungsfonds, die Agrar-Subventionen undsoweiterundsofort machen hohe zweistellige Milliardenbeträge aus. Braucht es wirklich diesen alarmistischen Tonfall, der die Kultur mit dieser fünfvorzwölf-Rhetorik drangsaliert? Auf einer Podiumsdiskussion, an der auch einer der Autoren teilnahm, konfrontierte ich ihn mit dem Einwand, dass es mich immer besonders irritiert, wenn Unternehmensberater Krisen und katastrophische Endzeitstimmungen beschwören, gerade so, als wollten sie dadurch in erster Linie wieder neue Beratungsaufträge generieren. Der Autor, ein Unternehmensberater, lachte kurz auf … Muss es immer gleich die Apokalypse selber sein? Kann man die Themen nicht vielleicht etwas weniger aufgeregt und gehässig diskutieren? Erwachsener, reifer, dafür aber inspirierter, empathischer? Was ich mir wünsche? Theater und Museen etc, die dazu einladen, betreten und genutzt zu werden, ohne Dresscode, ohne Unsicherheiten, etwas falsch zu machen. Kulturhäuser, die an einem Tag von russisch-stämmigen Seniorinnen, am anderen Tag von der Fußballabteilung des Stadtteilvereins besucht werden. In denen unsere Gesellschaft, unser Menschsein verhandelt wird, die, wenn sie schon keine Antworten geben, zumindest die richtigen Fragen stellen.

Ach, doch nochmal zurück zur Medienresonanz: Einer der wenigen, die den Autoren mit flammenden Worten zur Seite springen, ist der Dezernent für Umwelt, Planen und Bauen der Stadt Mühlheim/Ruhr, bis vor kurzem noch für die Kultur in dieser Stadt zuständig: er und einer der Autoren des Buches waren länger in der gleichen Kultur-Unternehmensberatung tätig und er attestiert den Autoren: »Profundere Kenner der Kulturlandschaft und des Kulturmanagements gibt es wahrscheinlich nur ganz, ganz wenige«. Das ist wahre Freundschaft. Sein zynischer Schlusssatz: »Kultur darf wieder Spaß machen« (im Blog der Kulturpolitischen Gesellschaft, kupoge.de). Na Prost, ihm vielleicht, er ist ja nicht mehr dafür zuständig.

Die Armseligkeit mancher Thesen gipfelt für mich schließlich in der Forderung: »Jedem Kind ein Tablet-Computer«. Man könne doch auch auf einem PC Musikinstrumente spielen. Oder mit den Worten von Nikolaus Merck auf nachtkritik.de: »Wenn man dann fast am Ende des Buches noch auf den Satz stößt: »Die Erweiterungsflügel aller Museen brauchen nur noch virtuell gebaut werden«, fragt man sich, ob die vier Herren nicht vielleicht doch in untergeordneten Planungsabteilungen von Google besser aufgehoben wären und klappt das Buch entnervt zu. Ich gebe zu, ich lebe noch ganz gern in dieser analogen Welt mit echten Menschen, echten Häusern, echten Wäldern, echten Bildern, echten Musikinstrumenten …

Aber gut, dass sie darüber geredet haben. Oder auch egal.

(Muchtar Al Ghusain ist Referent für Kultur-, Schul- und Sport der Stadt Würzburg)

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